Das chilenische Spektakel, diese Gala-Monstre-Schau des großen Welt-Fußballs, ist vorüber. Der Favorit hat gewonnen. Der Empfang der Sieger in Rio stellte alle römischen Triumphzüge in den Schatten.

Auch die deutsche „Zweiundzwanzig“ ist mit ihrem Trainer, dem „Napoleon des grünen Rasens“ nach einem Umweg über New York wieder in der Heimat gelandet. Diesmal fehlten die donnernden Sprechchöre, gedämpfter Trommelklang herrschte vor. Hie und da kam sogar Schadenfreude auf, man meint, es sei für die fußballtollen Deutschen einmal ganz heilsam, gewesen, daß sie wieder die Bitterkeit einer Niederlage zu spüren bekamen. Unter einer Flora-Karikatur las man vom Waterloo Sepp Bonapartes. Aber war es überhaupt eine Niederlage oder gar ein. Waterloo? Für jene – ja, die nach dem Sieg über die Chilenen glaubten, nun würden die Deutschen im furor teutonicus geradenwegs ins Endspiel hineinmarschieren. Tatsächlich hat aber die Mannschaft des Deutschen Fußballbundes mehr erreicht als mancher Kenner erwartete.Die zweiten und dritten der letzten Weltmeisterschaft, die Schweden und Franzosen, schafften noch nicht einmal die berühmte Fahrkarte nach Chile. Und so hervorragende Teams wie das italienische und das spanische mußten schon nach der Vorrunde ausscheiden, in der die Deutschen Gruppensieger werden konnten. Zusammen mit den Deutschen wurden dann so erstklassige Mannschaften wie die der Ungarn, der Sowjetrussen und der Engländer eliminiert. Auch nicht eine Ländervertretung aus dem freien Europa erreichte das Halbfinale.

In der Taktik waren die Deutschen dank Herberger zwar dominierend, aber einmal hört alle Taktik auf, dann nämlich, wenn der Reihe nach bessere Gegner auf dem Spielfeld antreten, die auch etwas von moderner Fußballstrategie verstehen. So erfolgreich auch eine konsequent durchexerzierte Defensivmethode mit gelegentlichen Vorstößen und ein fast perfektes Teamwork, das von einem verbissenen Kampfgeist getragen ist, sein können – die höchste Krone wird doch durch einzelne große Spieler errungen. War der deutsche Sieg von Bern 1954 auch glücklich, so kam er doch nicht von ungefähr. Solch überragende Spieler-Persönlichkeiten wie Fritz Walter, Rahn oder Liebrich waren diesmal in der deutschen Mannschaft nicht zu finden. Ein Uwe Seeler kann zwar auch einmal ein großes Spiel entscheiden, aber in letzter Zeit geschah dies immer seltener. Schäfer sollte, wie einst Fritz Walter, den Regisseur, Dirigenten, Spielmacher, Einfädler und wie all die schönen Bezeichnungen noch heißen, darstellen, aber der 34jährige war offenbar durch die Strapazen der Kämpfe um die Deutsche Meisterschaft zu stark mitgenommen worden. Und der „Stopper“? Nun, Erhardt konnte wirklich nicht mehr besser spielen, aber ein Liebrich ist er eben nicht. Da erinnerte Schnellinger schon eher an ihn. Auf dem Posten Rahns stand in Santiago bei jedem der vier Spiele ein anderer Mann. Waren hier auch taktische Überlegungen maßgebend, so sagt dieser fortwährende Wechsel doch alles!

In der internationalen Sportpresse wurden die Deutschen wieder einmal unter die Vertreter des Kraftfußballs einrangiert. Aber das ist wohl nicht das richtige Prädikat für den sachlichen, schnörkellosen Stil der Mannschaft, der auf schnellstes Direktspiel abzielte, was freilich selten funktionierte. Den Vorwurf, daß Herberger das Spielerische, der Taktik aufopfere, müßte man eher gegen das Turnier und seinen Austragungsmodus richten. Hätte er solche Ballkünstler wie einen Didi, Vava oder Garrincha in seiner Mannschaft gehabt, wäre seine Taktik sicher offensiver ausgefallen. Diese unberechenbaren; blitzschnell zustoßenden Ballartisten finden auch im dichtesten Abwehrsystem immer noch Lücken, um hindurchzuschlüpfen.

Gefährlich wäre es allerdings, wenn sich als Lehre von Chile jene phantasielose Defensivtaktik und jene „saubere Härte“ noch stärker auf den deutschen Fußballplätzen breit machte. Nicht noch mehr Taktik und noch mehr Härte braucht der deutsche Fußball, sondern eben das, was er selbst einmal besaß und was die Brasilianer so hinreißend vorführten; mehr Brillanz, mehr Geist!

Aber es ist ganz und gar verfehlt, nun Herberger als den kleinen Korporal oder die deutschen Spieler, die doch alles gaben, mit unsachlicher Kritik zu überschütten. Herberger kann keine Fritz Walters, Liebrichs und Rahns herbeizaubern. Als er sie hatte, gewann er auch. Bern war das Austerlitz des Fußball-Bonapartes, Santiago aber nicht sein Waterloo. A. M.