Die Aktionäre der Zellstofffabrik Waldhof haben an ihrem Besitz keine große Freude. Der Kurs der Aktien, der seinen Höchststand 1960 bei etwa 470 % hatte, im März d.J. immerhin noch 254 % notierte, ist inzwischen auf 130 % zurückgegangen. Eine schlechte allgemeine Börsensituation und eine ungünstige spezielle Unternehmenslage haben sich kumuliert. Von der Börse soll in diesem Zusammenhang nicht gesprochen werden; um so mehr von der besonderen Lage des Unternehmens. Es hat in der Nachkriegszeit keinen festen Boden mehr unter die Füße bekommen. Ein großer Teil der Werke im Osten, also an den Rohstoffquellen gelegen, ging im Zweiten Weltkrieg verloren. Die Produktionsgrundlage für die im Westen verbliebene Stammfabrikation, also für die Zellstoffertigung, erwies sich als schlecht. Holz ist hier sehr teuer, wesentlich teurer jedenfalls als in den großen Waldgebieten Skandinaviens und Nordamerikas. Die Staatsforsten haben den deutschen Zellstoffwerken niemals Preiszugeständnisse gemacht. Die Zellstoffabrikation kann daher in unserem Lande nicht ertragsreich sein. Waldhof drängt deshalb seit Jahren in die Weiterverarbeitung, in die Fertigung technisch hochwertiger Artikel mit aufnahmefähigen Märkten. Dabei mußte Waldhof allerdings auf seine Zellstoffbezieher Rücksicht nehmen, ihnen nach Möglichkeit keine Konkurrenz machen. Zum anderen waren neue Anlagen zu schaffen. Das kostete viel Geld. Zweimal wurde das Kapital erhöht, das letztemal 1960/61, und zwar um 15,6 Mill. auf 78 Mill. DM. Der Bezugskurs betrug 150 %.

Zu einer wirklich gesunden Bilanzstruktur aber hat die Verstärkung der eigenen Mittel nicht geführt. Es mußten, um den Investitionsbedarf zu decken, weitere Mittel aufgenommen werden. Ende 1960 wurde dem Unternehmen ein 6 1/4 % verzinsliches Schuldscheindarlehen in Höhe von 35 Mill. DM gewährt.

Das Anlagevermögen im Betrag von 162 Mill. ist nach der Bilanz 1961 nur mit 102 Mill. durch eigene Mittel gedeckt. Dem Rest und einem guten Teil der Vorräte stehen langfristige Fremdmittel gegenüber. Normalerweise wird man hiergegen nichts einwenden können. Im Falle Waldhof aber ist das Verhältnis zwischen Eigenkapital und langfristigem Fremdkapital (rund 135 Mill.) kopflastig geworden. Zudem ist die allgemeine Marktsituation des Unternehmens alles andere eher als günstig. In der westlichen Welt bestehen große Überkapazitäten; sie wurden im Krieg geschaffen. Die USA, die mit einem Anteil von 60 % an der Weltzellstofferzeugung der bei weitem größte Hersteller sind, waren vor dem Krieg die größten Abnehmer von skandinavischen Zellstoffen. Im Krieg hörte das auf; es wurden in den nordamerikanischen Waldgebieten deshalb große neue Kapazitäten errichtet. Die Skandinavier haben darüber nicht nur ihren amerikanischen Markt für alle Zeit verloren, sondern auch noch die USA als Konkurrenten, der nicht nur Südamerika, sondern auch europäische Länder beliefert, erhalten. Skandinavien zeigte aber keine Bereitschaft, seine europäischen Märkte den, Amerikanern zu überlassen. Es baute im Gegenteil die Zellstoff- und Papierindustrie noch aus. Der deutsche Markt wurde interessant, vor allem nach der D-Mark-Aufwertung. Die Preise der ausländischen Konkurrenz von Waldhof wurden dabei um 5 % herabgesetzt. Bei Waldhof glaubte man nicht daran, daß das von Dauer sein werde. Die D-Mark-Preise wurden deshalb im Inland nicht angepaßt und dabei selbst eine Lagerzunahme in Kauf genommen. Im Herbst vergangenen Jahres trat jedoch im Zellstoffpapierfach international ein starker Preiseinbruch ein. Die Überkapazitäten drückten auf den Markt, es kam zu einer weiteren Preissenkung um 5 %. Die D-Mark-Aufwertung eingerechnet, bedeutet dies eine Verbilligung bei vielen Importen um rund 10 % innerhalb eines Jahres. Dem mußte sich auch die deutsche Papier- und Zellstoffindustrie anpassen, ohne daß ihr hierfür die Kostenlage einen Ausgleich bot.

Obwohl auf eine weitere Stärkung der inneren Reserven verzichtet wurde, war es nicht möglich, wie im vorangegangenen Jahr 8 % Dividende auf das erhöhte Kapital zu erwirtschaften. Die Aktionäre müssen sich mit 5 % begnügen. Das ist selbst für die jungen zu 150 bezogenen Aktien keine ausreichende Verzinsung, und es ist daher nur natürlich, wenn der Börsenkurs unter den letzten Bezugskurs gesunken ist.

Die Vorteile, die die skandinavische Industrie von Natur aus besitzt, werden sich voll, und zwar zu Lasten der deutschen Konkurrenz, auswirken. Berücksichtigt man weiter, daß die großen Zellstoff- und Papierexporteure Kanada und USA schon aus Gründen der Normalisierung der Zahlungsbilanz weiterhin auf die europäischen Märkte drängen werden, dann wird ganz deutlich, wohin die Reise geht. Man wird sich überlegen müssen, ob eine eigene deutsche Zellstoffindustrie in der Bundesregierung noch Berechtigung hat. Eines ist jedenfalls sicher, daß die Zellstofffabrik Waldhof auf lange Sicht gesehen ihre Zukunft nur noch in der Weiterverarbeitung, also in der Fertigung hochwertiger Papier- und Pappeartikel sehen kann. Das setzt aber Investitionen voraus.

Für das Jahr 1962 sind etwa die gleichen Investitionen wie im Vorjahr, etwa 46 Mill. DM, vorgesehen. Ob sich die Pläne verwirklichen lassen, steht dahin. Bei der gegebenen Ertrags- und Konjunkturlage müssen alle Planungen und Vorhaben von Grund auf neu überdacht werden. Die Fremdmittel nochmals zu erhöhen, wird kaum möglich sein; die Bilanzstruktur läßt das kaum noch zu; man wird an eine Verstärkung der eigenen Mittel denken müssen. Rlb.