Von Hans Rothfels

Aus dem umfassenden Lebenswerk und dem eindrücklichen Lebensbild des Tübinger Gelehrten Eduard Spranger ist es schwer, einzelne Aspekte herauszuheben, ohne der unaufdringlich vorgeprägten, aber in ihrer Unbedingtheit um so wirkungskräftigeren Einheit von Denken und Lehren, von Forschen und Sein empfindlichen Abbruch zu tun. Man wird zunächst gewiß mit aller Dankbarkeit an die beiden Hauptbücher seiner geisteswissenschaftlichen Psychologie zu erinnern haben, die nach dem Ersten Weltkrieg erschienen und in sehr weite Kreise hinein Frucht getragen haben: die „Lebensformen“ und die „Psychologie des Jugendalters“. Aber hinter beiden stand schon, wie die kleine autobiographische Skizze betont, die eine besondere Gelegenheit dem Jubilar abgerungen hat, eine Kulturphilosophie, die seitdem in zahlreichen Abhandlungen entwickelt worden ist, und stand eine letzte pädagogische Frage – die nämlich, was der Mensch eigentlich sein solle.

Auch der Historiker darf sich zu der fachwissenschaftlichen Bereicherung bekennen, die Sprangers geschichtliche Arbeiten bedeutet haben – etwa die zur Geschichte und Ideenwelt der preußischen Reformzeit, einer Zeit in der philosophisches Denken und schöpferisches Handeln sich so vermählten, wie das dem Lebensideal des Gelehrten selbst entsprach. Insbesondere aus seinen Büchern „Wilhelm v. Humboldt und die Humanitätsidee“ und „Wilhelm v. Humboldt und die Reform des Bildungswesens“ spricht ein von dieser inneren Zuordnung getragener Impuls, an dem sich die Besinnung auf das Menschliche und Fordernde immer wieder hat erneuern können. Die Bücher liegen fünfzig Jahre zurück und haben doch in einer durch ein halbes Jahrhundert verwandelten Welt Neuauflagen erfahren können.

Aber hinter die Reformzeit zurückgreifend hat der Historiker Spranger auch der Figur Friedrichs des Großen sich zugewandt, des „Philosophen von Sanssouci“, mit einer kritischen und feingestimmten Erörterung seiner Gedankenwelt, wie sie in Gedichten und Lehrschriften sich kundtut – in Übereinstimmung mit dem Zeitstil und seinen weltanschaulichen Ausdrucksformen, die es zu verstehen gilt, aber immer doch bezogen auf eine sehr persönliche Seelenlage, die in der Tiefe anders und reicher war als die geistige Umwelt. Sie führt hin zur Mitwirkung „mit dem unoffenbarten Plan für den Menschen“, im besonderen Fall den Herrscher, „nur zugänglich durch die Stimme der Pflicht in der eigenen Brust.“

In diesen wie in anderen geschichtlichen Arbeiten steht Eduard Spranger in der Tradition seines Lehrers Dilthey und des von ihm geforderten psychologischen Sinnverstehens. Er hat selbst die geschichtliche Verstehenslehre verfeinert, ohne doch im Historischen – in dem, was man Historismus nennt – zu verharren. Schon in seiner Doktorarbeit ging es ihm um Nutzen und Nachteil der Historie, also um eine Maßstabbildung im Geschichtlichen, die der Gefahr passiver Hinnahme, des Versinkens im Relativismus, entgegenwirkt. Es ging letzten Endes um ein Normatives, das die historische Erinnerung zu einer Kraftquelle macht durch Bezug alles Vergänglichen auf das Ewige. Das gilt, so heißt es in einem der erst kürzlich veröffentlichten Briefe Sprangers an Friedrich Meinecke, wie für den handelnden Menschen so auch für den Historiker, „der über die Tragik des Irrens und Leidens der Generationen in eine Sphäre höherer Sinngehalte emporgehoben wird.“ So spricht der Jubilar selbst in einem Aufsatz über die „Aufgaben des Geschichtsschreibers“, den er dem Altersfreund zu dessen 90. Geburtstag gewidmet hat, von dem Prozeß, durch den „das verstehend angeeignete Leben... zu einer Gegenwartsmacht und zu einer zukunftgestaltenden Macht“ werden kann.

Dies liest sich wie das eigene Programm eines Mannes, der in der Mitte seines Wirkens, in seinen Vorlesungen etwa über die großen Philosophen und die großen Bildungsideale, die Hörer in dichtgedrängten Sälen (und auch sonst breite Kreise in Vorträgen und Abhandlungen) nicht nur zu fesseln wußte durch musterhaft klare Gedankenführung, sondern sie ergriff durch die Herausarbeitung des jeweils zugrunde liegenden Kulturethos. „Der junge Akademiker“, so lesen wir in einem durch reiche Erfahrung gesättigten Aufsatz über „Forschung, Berufsbildung und Menschenbildung in der gegenwärtigen deutschen Universität“, „muß zu dem Bewußtsein kommen, daß er etwas treibt, was ihn beim inneren Aufbau seiner eigenen Wertwelt angeht.“ „Wo kein Ethos ist, da hilft auch der Logos nicht.“

Man könnte auch das wohl als Motto über ein Leben setzen, das in Lehre und Forschung wie in der Erziehung seiner selbst ein heute selten gewordenes Bild der geschlossenen Persönlichkeit bietet, auf eine bestimmte Haltung hin diszipliniert, vollendet in den äußeren Formen der Höflichkeit, unermüdlich und aufs Peinlichste pünktlich in der Erfüllung auch der kleinen Aufgaben des Tages, so in der mit der Hand – und was für einer Hand – geschriebenen Beantwortung zahlloser Briefe, in einem durchdringenden Bewußtsein von Pflicht und Verantwortung. Ungemein bezeichnend daher, daß er einmal als den „wesentlichsten Weltanschauungsunterschied“, den es gibt, „Sichtreibenlassen oder Sichverantwortlichfühlen“ angegeben hat. Noch weiter greifend heißt es in einer Abhandlung über „Die Kulturzyklentheorie und das Problem des Kulturverfalls“: „Wo der Pflichtgedanke stirbt, stirbt auch die Kultur.“