VENEDIG: „Biennale“

Die eben eröffnete XXXI. Biennale bringt außer den Beiträgen der einzelnen Nationen eine Sonderausstellung der Künstler, die von 1948 bis 1960 den Großen Biennale-Preis erhalten haben. Die prominentesten Preisträger sind Matisse, Chagall, Dufy, Mirò, Max Ernst, Hans Hartung, Emil Nolde, bei den Bildhauern Arp, Marini, Zadkine, Calder. Eine andere Sonderschau zeigt das Werk von Odilon Redan (1840–1916), der als Symbolist abgestempelt war, später als Vorläufer des Surrealismus zu einem falschen Ruhm gelangte und jetzt, seitdem man es aufgegeben hat, ihn einzuordnen, als einer der großen Einzelgänger entdeckt wird. Deutschland wird diesmal von sechs Künstlern repräsentiert: Erich Heckel mit mehr als fünfzig graphischen Blättern, Werner Gilles mit Ischia-Aquarellen aus den Jahren 1959 und 1960, HAP Grieshaber mit Holzschnitten, Emil Schumacher mit neuen Ölbildern (die im letzten Jahr in Deutschland ausgestellt waren), dazu zwei Bildhauer, der in diesem Jahr verstorbene Alfred Lörcher und als Vertreterin der jungen Generation Brigitte Meier-Denninghoff. Eine gute Auswahl, keine Übersicht über das, was heute modern oder aktuell ist, sondern sechs Künstler mit Profil, Wegbereiter und Außenseiter, bekannte und auf dem internationalen Forum neue Namen.

CELLE (Schloß): „Grasshoff“

Fritz Grasshoff hat in den letzten Jahren in Westdeutschland viel ausgestellt. Er lebt seit dem Krieg in Celle, und das Kulturamt der Stadt hat ihm jetzt zwei pompöse Räume im Schloß zur Verfügung gestellt. Grasshoff, der Verfasser der „Halunkenpostille“, ein Lyriker und ein Literat, hat mit außerordentlich reizvollen Bildern einer märchenhaft, manchmal auch ironisch verfremdeten Wirklichkeit angefangen und hat sich dann radikal vom Gegenstand und seinen literarischen Neigungen freigemacht. Die neuen Bilder sind abstrakt, dichte Gewebe aus Farben und Formen. Aber Grasshoff ist viel zu intelligent für die Rolle eines Mitläufers in der abstrakten Kolonne. Die abstrakte Ornamentik ist Attrappe. Vielmehr: er bedient sich ihrer, um das Bild vom Illustrativen zu reinigen, Poesie in ein farbiges Muster umzusetzen. Malerei mit Niveau und geistigem Anspruch. Die Ausstellung, die von Werner Schmalenbach eröffnet wurde, dauert bis 8. Juli.

DÜSSELDORF (Galerie Alex Vömel): „Gilles“

Vor einem Jahr, am 22. Juni 1961, ist Werner Gilles gestorben. Alex Vömel zeigt – bis Ende Juni – einen schönen und charakteristischen Ausschnitt aus dem Werk. Vierzig Bilder und Zeichnungen zum Thema „Fischer auf lschia Ein Lieblingsthema von Gilles, neben den „Schluchten“. Die Zeichnungen sind Naturstudien und führen von der Gegenwart, von der realen Situation unmittelbar in den Bereich des Mythos, wo die Fischer von Ischia Gefährten des Orpheus sind. Hans Purrmann, ein aller Freund von Gilles, hat der Ausstellung ein kleines Vorwort geschrieben: „... höchst eindringliche Kompositionen mit der Fischerbarke, im Hintergrund etwa ein Hügel, der aus dem Meer ragt, und Netze sind da, die eine schmetterlingshafte schöne Silhouette gegen den leuchtenden Himmel bilden.

WIEN (Künstlerhaus): „Surrealismus“

Zum ersten Male seit der Biennale von 1956 wird ein großangelegter Überblick über den Surrealismus gegeben. Der Titel „Surrealismus – Phantastische Malerei der Gegenwart“ deutet an, daß man keine Retrospektive über ein abgeschlossenes Kapitel der Kunstgeschichte zeigen will, vielmehr das Weiterleben des Surrealismus, sein Hineinspielen in weite Gebiete der abstrakten Malerei. Als Vertreter der alten und eigentlichen surrealistischen Schule fungieren Max Ernst, Salvador Dali und André Masson. Auch Chagall ist dabei, aber seine Beziehung zum Surrealismus ist fragwürdig und allenfalls ephemer. Die Ausstellung umfaßt 156 Bilder und dauert bis zum 8. Juli. g. s.