Psychologen zweifeln an der Unabhängigkeit des Menschen

Von Jürgen Zimmer

Der Bundestag wird sich demnächst mit dem Entwurf eines neuen Strafgesetzbuches befassen, das nach fast einem Jahrhundert und immer neuen Reformbestrebungen das bisherige StGB ablösen soll. Der Entwurf, der von einer Sachverständigenkommission in jahrelanger Arbeit erstellt und soeben vom Bundeskabinett verabschiedet wurde, geht davon aus, daß die Strafe durch die Schuld gerechtfertigt werde. So heißt es in Paragraph 60 des Entwurfes: „Grundlage für die Zumessung der Strafe ist die Schuld des Täters“, und in anderen Vorschriften sind die Grundsätze des Schuldstrafrechts ebenfalls deutlich zum Ausdruck gebracht. Der Entwurf bekennt sich dazu, daß es menschliche Schuld gibt, daß der Mensch sich für oder gegen das Recht entscheiden kann und daß die Strafe ein sittliches Unwerturteil über eine Handlung enthält. Ist diese Ansicht vereinbar mit den Ergebnissen der modernen Naturwissenschaft? Jürgen Zimmer setzt sich in seinem Artikel mit den verschiedenen Standpunkten der Psychologen zur Entscheidungsfreiheit auseinander. In unserer nächsten Ausgabe wird Hans Peter Bull auf die Konsequenzen für Strafrecht und Strafvollzug eingehen, die sich aus einer Verneinung der Willensfreiheit ergeben könnten.

Der englische Psychologe J. C. Flügel beginnt seine Psychologiegeschichte mit der lapidaren Feststellung, daß sich seine Wissenschaft heute mit dem Entwicklungsstadium eines einjährigen Kindes vergleichen lasse. Die moderne Psychologie, verfolgbar seit dem Jahr 1830, steht also am Anfang. Zu einer ihrer brennendsten und im Augenblick noch nicht entschiedenen Fragen gehört das Problem der Willensfreiheit.

Verfügt der Mensch über einen freien Willen? Kann er völlig unabhängig han- – deln? Oder ist er ein dynamisches Bündel aus Trieben, Interessen und Gefühlen, gesteuert von Anlage- und Umwelteinflüssen – unfrei der Welt und sich selbst gegenüber? Die präzise psychologische Frage heißt: Kann der Mensch in einer gegebenen Situation, in der er wählt, sich für jede Wahlmöglichkeit entscheiden?

Die Lager sind geschieden in der Psychologie, die Trennung verläuft quer durch alle Schulen. So zählen in Deutschland zu den prinzipiellen Befürwortern der Willensfreiheit die Münchner Psychologen Phillip Lersch, Adolf Däumling und Heinz-Rolf Lückert, zu den Verneinern der Hamburger Professor Curt W. Bondy, der Wiener Hubert Rohracher, allen voran der Begründer der Psychoanalyse, Sigmund Freud.

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