Von Willi Bongard

„Mister Loewy, what does a human being look like – designed by Mr. Loewy?“ – Wir fragten den „erfolgreichsten Formgestalter unserer Zeit“ danach, wie ein von ihm gestalteter Mensch wohl aussehen würde. Darauf nahm er sein Buch Häßlichkeit verkauft sich schlecht“) zur Hand, blätterte darin herum und schlug die Seite mit dem Photo seiner Frau auf... Mr. Loewy ist gebürtiger Franzose.

Raymond Loewy hat sich dem deutschen Publikum vor einem Jahrzehnt mit einem Buch bekanntgemacht, dessen Titel mittlerweile zum geflügelten Wort, mehr noch, zur Maxime der industriellen Formgestaltung geworden ist: Häßlichkeit verkauft sich schlecht.“ Kein Zweifel, dieser Mann bezeichnet sich mit einigem Recht als der „erfolgreichste Formgestalter unserer Zeit“. Loewy hat einmal ausgerechnet, daß die nach den Gestaltungsgrundsätzen seiner Gesellschaft, der Raymond Loewy Association‚ hergestellten Industrieerzeugnisse einen Wert von drei Milliarden Dollar im Jahr repräsentieren.

Diese Zahl ist gewiß sehr eindrucksvoll, vor allem, wenn man bedenkt, daß die von Loewy gestalteten Erzeugnisse vom Lichtschalter bis zur Lokomotive, von der Zigarettenpackung bis hin zur Inneneinrichtung von Kennedys Helikopter reichen. Dem Phänomen Loewy wird man indessen nicht mit Zahlen gerecht. Der größere Erfolg war ihm, wie uns scheint, mit seiner „Philosophie“ beschieden, mit seiner industriellen Ästhetik, von der man sagen darf, daß sie Schule gemacht hat. Zwar würde es zu weit gehen, Loewy als den Erfinder der Moderne zu bezeichnen. Die Wurzeln dessen, was heute als modern bezeichnet oder zumindest empfunden wird, sind weit verzweigt. Aber Loewy ist der Mann, der seine Vorstellung von Modernität, von Funktionalismus mit dem größten Erfolg verkauft und die meisten Anschauungsbeispiele hierfür geliefert hat.

Wir wagen zu bezweifeln, daß er sich von Anfang an der Tragweite dessen bewußt war, was er mit seinen Formgestaltungen „angerichtet“ hat. Uns scheint vielmehr, daß er verhältnismäßig unbekümmert zu Werke gegangen sei. Dafür spricht, daß er es noch heute von sich weist, so etwas wie eine Philosophie (der Formgestaltung) zu haben. Als wir ihn vor kurzem danach fragten – Loewy war in Westdeutschland für wenige Tage zu Besuch –, gab er sich als Pragmatiker aus und kokettierte geradezu damit, keine Theorie von seiner Arbeit zu haben. Wir konnten uns indessen nicht vorstellen, daß ein Mann, der eine jährliche Produktion von 3 Milliarden Dollar moderner Formen „auf dem Gewissen“ hat, keine Philosophie haben sollte.

Der Zufall wollte es, daß wir mit Loewy vor einem kostbaren antiken Möbel in der ansonsten ultramodern eingerichteten Privatwohnung eines renommierten Düsseldorfer Werbefachmannes standen. Loewy, der sich gerade auch mit seinen In leneinrichtungen einen Namen gemacht hat und den modernen Möbelstil maßgeblich beeinflußt hat, kam von diesem alten Möbelstück einfach nicht mehr los. Immer wieder fuhr er mit der flachen Hand liebevoll darüber. Dabei sprach er beinahe schwärmerisch von „warmth“, also von der Wärme, die das kunstvoll verarbeitete Holz ausstrahle.

Die Gelegenheit war günstig: „Mr. Loewy, was gibt einem Möbel wie diesem da seinen besonderen Reiz? Offenbar nicht so sehr die Form.“ – „Nein, nicht die Form. Es ist der Mensch, der da eingebaut ist, die Handarbeit.“ – „Aber das vermißt man doch gerade bei modernen Möbeln, wie Sie sie selber seit Jahrzehnten gestaltet haben.“ – „Ganz recht, das wäre nämlich zu teuer.“ – „Also lassen Sie sich bei Ihrer Formgestaltung in erster Linie von ökonomischen Gesichtspunkten leiten?“ – „So ist es.“