Das Urteil im Brühne – Prozeß – lebenslängliches Zuchthaus für die nur durch Indizien „überführten“ Mörder des Dr. Praun – wird immer noch stark diskutiert. Es hat erneut die Frage aufgeworfen, ob unser Strafprozeßrecht genügend Garantien für die Findung der Wahrheit enthält. Dr. Manfred Wolkiser, ein Jurist, der das deutsche und angloamerikanische Recht aus langer Praxis kennt, ist der Ansicht, daß wir dem angelsächsischen Verfahren wichtige Regeln für unseren Strafprozeß übernehmen sollten. Deutsche Juristen stehen solchen Forderungen im allgemeinen mit Skepsis gegenüber. So sagte der „Kronjurist“ der SPD, Dr. Adolf Arndt, kürzlich: „Wir kranken immer noch an der Rezeption des römischen Rechts; der Himmel bewahre uns davor, nun auch noch das angelsächsische Recht rezipieren zu müssen!“

Keiner der in Bonn beredeten Vorschläge zur Strafprozeßreform hätte, wie einer der Reformer, Dr. Dehler eingeräumt hat, den Verlauf des Münchner Brühne- Prozesses beeinflußt. Auch bei Dehler hat zwar „die Art der Verhandlungsleitung gelegentlich Bedenken erweckt“, doch führt er sie „nicht auf Fehler unserer Verfahrensordnung“ zurück.

Wie wäre es aber wohl mit einer „Seibert-Reform?“ Sie wäre ebenso umwälzend wie einfach: Der Richter muß im Interesse wirklicher Objektivität von der Ermittlungstätigkeit in der Hauptverhandlung freigestellt werden. Wie sein englischer und amerikanischer Kollege, soll er nur zuhören und entscheiden.

Die meisten Kommentare zum Urteil, das „Lebenslänglich“ verhängte, wo nur Indizien gegen Vera Brühne und Ferbach sprachen, gehen am Kern des Problems vorbei. Einem Leitartikler in Frankfurt „bleibt ein gewisser Rest an Unbehagen“; ein anderer in München „vermißt das Benefiz des Zweifels für einen Freispruch mangels Beweises“, und dem dritten in Berlin „schmeckt das Urteil nicht.“ Keiner der Leitartikler hat mit einem Wort angedeutet, daß ihm die Strafprozeßordnung „nicht schmeckt“.

Der Vorsitzende deutscher Art hat bei seiner Entscheidung über die Eröffnung des Hauptverfahrens die Angeklagten bereits als der Tat „hinreichend verdächtig“ befunden. Er „lebt“ in dem nach seiner Auffassung für sie belastenden Akteninhalt, den er genau studiert hat, um ihn zur Richtschnur seiner Verhandlungsführung zu machen. Er selber vernimmt die Zeugen und Sachverständigen „nach Aktenlage“ und erteilt erst dann dem Ankläger und dem Verteidiger das Wort zu etwaigen weiteren Fragen. Darüber hinaus soll er womöglich noch Detektiv sein, wenn nach seiner Auffassung Polizei und Staatsanwalt nicht ausreichend ermittelt haben. Bei alledem soll der Vorsitzende noch beobachten, Beweise würdigen, abwägen, für den logischen Fortgang der Verhandlung sorgen und – zu guter Letzt – ein gerechtes Urteil fällen. Kann er das alles? Doch wohl nur, wenn er physisch und psychologisch ein Übermensch ist.

Demgegenüber ist dem anglo-amerikanischen Richter der Akteninhalt verschlossen. Über die Eröffnung des Verfahrens entscheidet die Mehrheit einer „Grand Jury“ von 25 Geschworenen, nachdem der Staatsanwalt vorgetragen hat. Dieser ruft und vernimmt in der Hauptverhandlung zunächst seine Zeugen, das heißt: die Belastungszeugen. Jeder Vernehmung folgt das Kreuzverhör durch den Verteidiger.

Nur wenn die Beweisaufnahme des Staatsanwalts als Grundlage einer Verurteilung ausreichen könnte, ruft die Verteidigung ihre Zeugen auf und, wenn sie es für zweckmäßig erachtet, auch den Angeklagten. Der Angeklagte ist dann selbst Zeuge. Er muß vereidigt werden. Und seine Aussage hat theoretisch dasselbe Gewicht wie die der Belastungszeugen.