F. W., London, im Juni

Die im Laufe der letzten Jahre in der City oft gerühmte Mentalität der Stock Exchange, die darin bestanden haben soll, daß sie – ungeachtet der Vorgänge auf anderen Plätzen, namentlich in Wallstreet – ihre eigenen Wege auf Grund eigener Überlegungen ginge, hat den Test des Schwarzen Montag in Wallstreet bestenfalls mit der Note „genügend“ bestanden. Wenn man auch in den folgenden Tagen in der City den Ruf des selbständigen Londoner Denkens durch den Hinweis auf die im Vergleich zu New York weitaus geringeren Verkäufe der britischen Investoren wiederherstellen wollte, so bleibt doch die Tatsache bestehen, daß London im Kielwasser der Wallstreet einen Verlust von nahe 3 Milliarden Dollar zu registrieren hatte.

Wallstreets „Heilige Kuh“ – wie die Makler die Aktien der International Business Machine Corp. (IBM) nennen – fiel um über 40 Dollar. Londons „Heilige Kuh“, die Aktien der Legal & General Insurance Co, fielen um beinahe 5 1/2 Pfund das sind etwa 15,50 Dollar oder 16 %. Die Aktien der IBM fielen drgegen „nur“ um rund 12 %. Der Unterschied besteht allerdings darin, daß die Notierungen der IBM bereits in den vorangehenden Wochen von 579 fast 200 Dollar verloren hatten – ein Verlust, der für manche Investoren das „rote Licht“ bedeutet hatte.

Diese Kursvergleiche gehen jedoch den Verschiedenheiten in den Motiven für den Kursverfall hüben und drüben nicht auf den Grund. Wallstreet hat einige Probleme, die London und andere Plätze nicht direkt berühren. Die amerikanische Wirtschaft leidet seit drei Jahren an Überkapazitäten und Überproduktion. Großbritannien hat Sorgen mit seiner Zahlungsbilanz. In den Vereinigten Staaten sinken die Gewinnmargen und damit die Dividendenaussichten hauptsächlich infolge der wachsenden Preiskonkurrenz unter den Produzenten. In Großbritannien haben Gewinnspannen und Dividenden fallende Tendenz infolge steigender Produktionskosten (trotz anhaltend sinkenden Rohstoffpreisen) und mangelnder „Exportmentalität“. Für den Aktionär ist der Effekt jedoch in jedem Falle gleich: Rückläufige Kurse. Das Schlagwort der „Wachstumswerte“ zieht nicht mehr. Der durchschnittliche britische Investor ist wieder renditenbewußter geworden. Er war es eigentlich seit jeher. Er hat nicht die spekulative Ader, die ihn übersehen läßt, daß eine konservative Rendite von 4 % oder 5 % einer illusionären „Wachstumsdividende“ vorzuziehen ist.

Wallstreet hat „seinen“ Kennedy, der durch seinen Druck auf die Stahlindustrie eine Preiserhöhung unmöglich gemacht und damit den zumindest passiven Widerstand der Republikaner gegen sein Wirtschaftsprogramm provoziert hat. London hat „seine“ Regierung, die durch den Druck der Opposition zur Einführung der Besteuerung spekulativer Kapitalgewinne gezwungen worden ist. Die dadurch entstandene Unsicherheit war einer der Gründe für den Kursrückgang.

Es stellt sich die Frage, wer denn das während der schwarzen Tage auf den Markt geworfene Material aufgenommen hat. Die Jobber können sich langfristige Eigenengagements schon aus Kapitalmangel nicht leisten. Wann werden sich also die Liquidationen dieser Transaktionen bemerkbar machen? Der Zweifel über den Zeitpunkt ist einer der Gründe für die starke Zurückhaltung, die die City gegenüber der Entwicklung der nächsten Wochen für angebracht hält.