Alle Welt fordert sie: Wissenschaftliche Beiräte bei den Ministerien, Lohngutachtergremium, Kuratorium zur Förderung der sozialen Marktwirtschaft, unabhängige Finanzexperten-Kommission, immer neue ähnliche Einrichtungen. Aber werden damit Probleme gelöst? Nein, sagt Dr. Hans-Helmut Kuhnke im folgenden Aufsatz. Was wir wirklich brauchen, sind Männer, die nicht kraft Proporzes wirken, sondern kraft ihrer Persönlichkeit. Die Frage ist berechtigt: Tun wir etwas, um solche Persönlichkeiten zu fördern?

Die Politiker, die Parteien, die Verbände, die Öffentlichkeit, die Minister, die Abgeordneten, die Funktionäre, die Intellektuellen – sie alle glauben offenbar an das Vorhandensein geeigneten Leute, die sachverständig sind, willig zur Mitarbeit im vorparlamentarischen Raum und zugleich unabhängig. Und sie glauben auch an die Bereitschaft der für Gesetzgebung und Verwaltung zuständigen Stellen, dem Urteil dieser Leute zu vertrauen und ihren Ratschlägen zu folgen.

Alle diese Kreise sind jedoch gleichermaßen seit Jahren daran beteiligt, die Entwicklung solcher unabhängiger Persönlichkeiten innerhalb unserer Gesellschaftsordnung zu verhindern, zum Teil bewußt, zum Teil unbewußt. Eine ausnahmsweise zunächst noch zugegebene oder auch nur hingenommene Unabhängigkeit einer Persönlichkeit wird spätestens in dem Augenblick geleugnet, in dem ihre Feststellung, ihr Urteil oder ihr Ratschlag von dem angenommenen Tatbestand, von der eigenen Meinung oder von der eigenen Absicht abreicht.

Dabei hängen das Entstehen und Bestehen einer allgemein anerkannten geistig unabhängigen Führungsschicht innerhalb eines Volkes entscheidend davon ab, wie von den möglichen Vertretern einer solchen möglichen Führungsschicht in der öffentlichkeit und im privaten Umgang gesprochen wird, Zutrauen veredelt‚ hat einmal der Freiherr vom Stein gesagt. Umgekehrt ist aber nichts Menschliches so vollkommen, daß es nicht zerredet werden könnte.

In der Bundesrepublik ist seit einigen Jahren kaum noch eine Sachdiskussion möglich, die nicht innerhalb kürzester Frist zu persönlichen Diffamierungen der Gesprächspartner und zu willkürlichen, abwertenden Unterstellungen von Motiven und Absichten führt. Das gilt für gruppeninterne Diskussionen ebenso wie für Diskussionen zwischen verschiedenen Gruppen oder auch einzelnen Persönlichkeiten, die sofort bestimmten Gruppen mehr oder minder willkürlich zugerechnet werden.

Soll es in unserer freien Welt den freien, also den seinem Gewissen verpflichteten unabhängigen Menschen wirklich nicht mehr geben? Es will so scheinen: Wer sich um die res publica aktiv sorgt, wird jedenfalls zum Interessenten abgestempelt oder zum Laien, der besser schwiege.

Der praktischen Beispiele für dieses bundesrepublikanische Gesellschaftsphänomen sind Legion; jeder kennt sie aus seinem persönlichen Umgang mit Ministern und Abgeordneten, mit der hohen Beamtenschaft und den Spitzenfunktionären aller Verbände, mit den Vertretern der öffentlichen Meinung und der Wissenschaft, mit Wirtschaftlern und Angehörigen der freien Berufe, mit Vertretern der Landwirtschaft und selbst der Geistlichkeit.