R. B., Berlin, im Juni

Am 17. Juni hat Willy Brandt, der Regierende Bürgermeister von Berlin, in seiner Rede auf der großen Kundgebung des Rudolf-Wilde-Platzes harte Worte gebraucht. „Ich klage das Regime in Ostberlin an“, rief Brandt. „Der Schießbefehl ist ein Bruch der Haager Landkriegsordnung. Sie verbietet die Tötung von Wehrlosen und Verwundeten, sogar im Kriege, sogar zwischen verschiedenen Völkern. Wer diese Regeln bricht, gehört vor ein internationales Gericht! Das gilt auch für Einzelpersonen. Jeder Uniformierte drüben muß das wissen. Wer sich auf einen Befehl beruft und ein Verbrechen begeht, handelt nicht anders als ein Kriegsverbrecher...“

Harte und zugleich sorgenvolle Worte! Wenige Tage vor dem Besuch Dean Rusks in Bonn und Berlin erhalten sie besonderes Gewicht: Die Mauer ist auf eine neue Art gemeinsame deutsch-alliierte Sorge geworden.

An dem Tag, da die Mauer – nicht so ganz unerwartet – gebaut wurde, war die erste Reaktion Empörung, aber dieser Empörung war, insbesondere in Washington, auch ein Schuß Erleichterung beigemischt. Man hoffte, diese Barriere werde, so grausam sie ist, doch ein wenig zur Entspannung beitragen. Nun habe Ulbricht ja sein Flüchtlingsproblem gelöst und werde daher nicht mehr so hartnäckig wie zuvor auf eine Lösung der Berlin-Frage drängen. Diese Hoffnung indes erfüllte sich nicht. Spielten sich früher die Flüchtlingstragödien meist lautlos ab, so heute unter peitschenden Gewehrsalven.

Es liegt im Interesse aller Beteiligten, daß die Schüsse aufhören. Aber wie? Möglicherweise bringt Rusk aus seinen Gesprächen mit Dobrynin, dem sowjetischen Botschafter in Washington, eine Lösung mit nach Berlin.