Von Walter Abendroth.

Bevor ich in die zweite Runde gehe, muß ich denn doch erst etwas für die Berichtigung meines Porträts tun, das mir nach einigen nicht ganz geheuren à propos meines verehrten Chef-Kontrahenten einer folgenschweren Verkennung ausgesetzt zu sein scheint. Nämlich: es ist nicht so, daß Ansermet. oder ich die Musik, die Josef Müller-Marein liebt, „nicht mögen“, und ich ärgere mich an ihr auch nicht deshalb, weil ich mich als Komponist zu wenig beachtet finde. Hätten meine verschiedenen Polemiken keine anderen Motive gehabt, so wären sie Produkte einer durchaus ungehörigen „Flucht in die Öffentlichkeit“ gewesen.

Die wirklichen Ursachen meiner Streitbarkeit ’(wenn man es so nennen will) hingegen gehen die Öffentlichkeit sehr wohl an; denn es dreht sich dabei um die Untersuchung eines viel umstrittenen Kulturphänomens, um seine analysierbaren Eigenschaften und um deren Bewertung.

Genau darum geht es auch Ernest Ansermet. Seine Argumente, die selbstverständlich ebenfalls jedes Einschlages von Ressentiments entbehren, sind kaum widerlegbar. Sie werden vielleicht keinen standhaften Avantgardisten „zerschmettern“, aber sie werden den bedingungslosen Jasagern viel an Kredit entziehen, den Neinsagern neuen Kredit verschaffen.

Da es eine notorische Tatsache ist, daß Dodekaphonie und Elektronik (ein Thema für sich) grundsätzlich eines bedeutenden publizistischen Wohlwollens-Vorschusses sicher sind, so liegt die Frage nahe, warum denn nicht alle lebenden Komponisten ihre Erfolgshoffnungen auf diese Karte setzen?

Nun, wenn man bei Hochschulabsolventen anfragt, erfährt man, daß nicht wenige von ihnen es wirklich ohne Überzeugung, tun, und zwar ausdrücklich jener Bevorzugung wegen, wenn nicht gar mit der Begründung, „die Kritik“ würde sie sonst „nicht hochkommen lassen“.

Anderseits: Warum machen manche Komponisten älterer Generation gelegentlich einen kleinen Abstecher ins Dodekaphonische, ohne sich in jenem Gebiete niederzulassen? Sie sind keine Prinzipienreiter und wollen auch das einmal ausprobieren – aus reinem handwerklichen, sozusagen sportlichen Interesse. Man muß zeigen, daß man keinesfalls „nicht kann“, sondern daß man nicht will!