Loe, Würzburg

Es gibt eine fränkische Spezialität namens Steinwein, ein Getränk, dem zahlreiche Zecher anhängen. Es gibt außerdem in Würzburg eine Staatliche Hofkellerei, die Steinwein bereitet und vertreibt. Die Geschäfte dieser Staatlichen Hofkellerei gehen ausgezeichnet, und der Grund dafür ist nicht schwer zu erraten: Der Weintrinker, irritiert durch die häufigen Plantscher-Prozesse, verläßt sich darauf, daß die Flaschen-Etiketten dieses Unternehmens stimmen; schließlich gehört es ja dem bayerischen Staat und untersteht der Aufsicht des Landwirtschaftsministeriums.

Aber die Steinwein-Zecher irrten, als sie dem bayerischen Staat vertrauten. Anfang dieses Jahres sickerte durch, die lokale Staatsanwaltschaft ermittle gegen die Würzburger Hofkellerei. Eilends erklärte der Leiter dieses Unternehmens, Direktor Hans Breider, es habe von 1954 bis 1957 „schlechte Weinjahre“ gegeben, daher „war es aus Qualitäts- und aus wirtschaftlichen Gründen unumgänglich, Lagen und Jahrgänge des Frankenweins zu mischen, aber das geschah mit der Billigung eines staatlichen Weinkontrolleurs“.

Dann ergriff ein Ministerialdirigent Groll das Wort, dem im Bayerischen Landwirtschaftsministerium die Aufsichtspflicht über die Würzburger Hofkellerei obliegt. Befremdet stellte Groll fest: „Der Gegenstand der Ermittlungen liegt lange zurück.“ Aber da die Staatsanwaltschaft desungeachtet diesem Gegenstand der Ermittlungen Aufmerksamkeit schenkte, definierte Groll etwas präziser: Es seien „Frankenweine vermischt worden, wobei in wenigen Einzelfällen die Prozentvorschriften nicht genau beachtet wurden“.

Wer gern Steinwein trinkt, konnte also beruhigt sein: Was ist schon dabei, wenn in wenigen Einzelfällen Prozentvorschriften nicht genau beachtet werden? Die in Würzburg erscheinende „Main-Post“ meinte denn auch, „daß im wohlverstandenen Interesse des Weintrinkers gehandelt wurde“, als die „formellen Verstöße gegen das Weingesetz“ stattfanden. Nur der Fränkische Weinbau verband übte vorsichtige Zurückhaltung: Man wolle noch nicht offiziell Stellung nehmen.

Ende vergangener Woche standen vor einem Würzburger Amtsrichter 36 „Einzelfälle“ zur Diskussion, darunter beispielsweise folgender: 352 Liter „Bischofsberg“, 585 Liter „Abtsberg“, 658 Liter „Hörsteiner Langenberg“ und ganze 51 Liter Würzburger Stein-Schalksberg“ ergaben als Mischung den berühmten „Würzburger Stein“. Eine andere Kombination, bei der Lagen Verwendung fanden, die bis zu 80 Kilometer voneinander entfernt sind, hatte folgendes Rezept: 1040 Liter „Randersackerer Pfülben“, 306 Liter „Randersackerer Teufelskeller“, 1100 Liter „Pfülben + Schwalbenwinkel“ und 882 Liter „Hörsteiner Reuschberg“ des Jahrgang 1957 ergaben 1956er „Würzburger Stein Riesling“.

In einigen Fällen erfolgte Freispruch, da die betreffenden Abfüllungen exportiert worden waren. Ein „Exportprivileg“ erlaubt Möglichkeiten, die im Inland verboten sind. Die anderen Abfüllungen indes wurden als Vergehen gegen das Lebensmittel- und das Weingesetz bewertet.