London, im Juni

Hemdenstreifen“, werden Zyniker nicht ganz zu Unrecht sagen, „sind auch schon dagewesen aber sie setzen augenblicklich wie noch nie die modischen Akzente am maskulinen Anzug. Es ist schon lange her, daß das Herrenhemd Gegenstand heftiger, ja, sogar leidenschaftlicher Kontroversen war; man war der immer gleichen Stoffe müde geworden, und das „ewige“ Weiß war kein anregender Unterhaltungsstoff. Plötzlich ist die Männerwelt in Streifen: Die Konservativen bestehen auf Unauffälligkeit der Farben und der Dessins; die Liberalen haben wenig gegen mäßige Block- oder Bengalstreifen einzuwenden; den Radikalen kann kein Streifen breit und prononziert genug sein – sie sind für Abwechslung und Farbexperimente.

Nun braucht man also, um den Charakter eines Mannes kennenzulernen, nicht mehr seine Handschrift zu analysieren – man sieht die Streifen, die er trägt, und weiß, wer er ist. Natürlich hat die Streifenhypnose als Wettrennen der Hemdenfabrikanten und ihrer Entwerfer begonnen. Ein jeder sucht den anderen mit unerhörten Variationen zu übertreffen, wobei sich zum Erstaunen des Laien herausstellt, daß das Thema „Streifen“ geradezu unerschöpflich abgewandelt werden kann. Eingefangen zwischen Konsumenten und Fabrikanten muß nun auch der Herrenausstatter versuchen, das Beste aus der Streifenflut zu machen, die sich über sein Hemdenlager ergossen hat. Wer sich die Hemden-Schaufenster in Bond Street, Regent Street und im neuen Herrenmoden-Bezirk von Knightsbridge oder auch die Pioniere des „Mittel-Westens“ in Shaftesbury Avenue ansieht, dem flimmert’s vor Streifen nur so vor den Augen. Mag sein, daß diese bunten vertikalen, horizontalen oder diagonalen Linien eine Reaktion auf die langjährige Monotonie der kühlen einfarbigen Hemden sind. Jedenfalls bietet sie dem Mann endlich eine Gelegenheit, nicht nur mit der Krawatte seine eigene Note zu betonen.

Wie dem auch sei: Im Sog der Hemdenstreifen sind „Probleme“ aufgetaucht, von denen sich bisher Schneider und Krawattenmacher nichts hatten träumen lassen. Der wahre Avantgardist fragt nicht mehr, welchen Hemdenstoff er zu diesem Anzug oder zu jenem Binder zu wählen habe. Wenn er sein Herz dem Hemdstreifen geschenkt hat, muß der Schneider den passenden Anzug dazu machen.

Der Hemdenstreifen, so wie er sich jetzt durchsetzt – in ein, zwei oder drei Farben, einzeln oder in Gruppen gebündelt –, hat eine diktatorische Veranlagung: Er will herrschen, das liegt in seiner Natur. Er duldet keine gestreiften Nebenbuhler neben sich. Also: Ein gestreifter Anzugstoff wäre riskant; man tut besser daran, ein „Karo“ oder „Uni“ zu wählen, um das Hemd ja nicht zu kränken.

Einer der großen Herrenausstatter in London hat den gestreiften Hemden ein breites Schaufenster gewidmet, und jedes dieser Hemden ist mit einer harmonierenden – auch kontrastierenden – Krawatte ergänzt – selbstverständlich „Uni“. Dort kann man zuweilen das erleben, was M. Gelot, der Pariser Huterer und Modepsychologe, eine „typische Londoner Erscheinung“ nennt: Herren, ältere und jüngere, gesetzte und wagemutige werfen mit halbgesenkten Augenlidern – so en passant – neugierige Blicke in das Schaufenster – mit jenem leichten Anflug von Koketterie, die nach Meinung des Franzosen den englischen Mann vor seinen europäischen Geschlechtsgenossen auszeichnet. Daher wohl führen die Engländer in der Herrenmode.

Ich traf einen mutigen, der zu seinem im Käfiggitter-Dessin gestreiften Hemd einen Binder mit breiten, sehr markierten Streifen trug, die, so seltsam es klingen mag, mit denen des Hemdes harmonierten. Ist das nicht Beweis dafür, daß es in der Mode keine festen Regeln gibt? Es ist ein Spiel mit labilen Grundsätzen, und es gewinnt stets derjenige, der sich nicht zum Sklaven, sondern zum Meister modischen Geschehens macht – und genug Verve und Elan besitzt, dies auch an der eigenen Person zu demonstrieren. Katharina Elisabeth Russell