Amerikas Außenminister Dean Rusk ist nicht um die Mission zu beneiden, die ihn zu Beginn dieser Woche nach Europa geführt hat. Er soll „die Zäune flicken“, wie es im Englischen bildhaft heißt, soll die schadhaft gewordenen Mauern ausbessern, die bisher die westliche Gemeinschaft zusammengehalten haben. Aber Rusk weiß auch, daß es mit dem Zäuneflicken allein nicht mehr getan ist: Das ganze Gebäude der atlantischen Allianz ist renovierungsreif.

Im Gebälk dieses Gebäudes bohrt der Wurm des Zweifels. Diesseits des Atlantik ist es der Zweifel am Willen der Vereinigten Staaten, auch fürderhin ihre nationale Existenz für die Freiheit Europas in die Schanze zu schlagen; jenseits des Ozeans ist es der Verdacht, der transatlantische Gemeinsinn Europas möge schwächer und schwächer werden, bis am Ende Amerika von jenen, denen es nach dem Krieg auf die Beine geholfen hat, wieder in die Isolierung verstoßen sei. Mißtrauen nagt am Fundament des atlantischen Gebäudes – gegenseitiges Mißtrauen, das durch übertünchende Versicherungen nicht aus der Welt geschafft ist. Das Gebäude muß von Grund auf erneuert werden, wenn es für die Zukunft Bestand haben soll: Neue Formen militärischer, wirtschaftlicher und politischer Zusammenarbeit müssen an die Stelle jener alten treten, deren Versagen vor der Wirklichkeit der sechziger Jahre schon jetzt offenkundig ist.

Es geht also um die Reform der westlichen Gemeinschaft. Entwürfe für eine supranationale Zukunftsstruktur lassen sich freilich nicht aus dem Ärmel schütteln; sie lassen sich auch nicht von einzelnen Partnern diktieren. Solche Entwürfe müssen ausgehandelt werden; die Partner müssen sich zusammenraufen. Zusammenraufen aber heißt in diesem Falle: Anpassung an jenes neue Gleichgewicht innerhalb des atlantischen Bündnisses, das sich in den vergangenen Jahren herausgebildet hat.

Zwei Faktoren bestimmen heute und in der absehbaren Zukunft das Verhältnis zwischen den USA und Europa. Einmal: Europa wird als dynamische Wirtschaftsmacht immer stärker und Amerika ökonomisch in immer höherem Maße von ihm abhängig werden – auch politisch, und zumal gegenüber der „dritten Welt“. Zum anderen: Europa darf nicht hoffen, sich ohne die Vereinigten Staaten verteidigen zu können; eine autonome, aus eigenen Kräften entwickelte atomare Abschreckungsmacht ist eine Fata Morgana; Europa bleibt militärisch weiterhin und verstärkt auf die USA angewiesen.

Nicht überall werden diese beiden Faktoren scharf gesehen. Aus der Dynamik des wirtschaftlichen Wachstums glauben manche Europäer den Anspruch auf eine unabhängige Verteidigung ableiten zu müssen. Aber sie täuschen sich; denn mögen auch Prestigeerwägungen und historische Reminiszenzen auf solchen militärischen Partikularismus hinwirken – die Geographie macht im Raketenzeitalter jede europäische force de frappe von vornherein zu farce de frappe. Umgekehrt allerdings täuschen sich die Amerikaner, wenn sie meinen sollten, sie könnten an das wirtschaftlich erblühende Europa die Forderung richten, die Bürde der Entwicklungshilfe in aller Welt brav mitzutragen und sich im übrigen arglos und fraglos auf die amerikanischen Sicherheitsgarantien zu verlassen. Zwar wird die Zeit nie kommen, da Europa ohne die Vereinigten Staaten bestehen kann. Aber jene Zeit ist vorbei, wo es sich gefallen lassen muß, blindlings am amerikanischen Leitseil in eine Richtung zu stolpern, an deren Bestimmung es nicht beteiligt war.

Bestünde Washington darauf – nun, es dürfte sich nicht wundern, wenn der europäische Partikularismus an Kraft gewönne. Zum Glück aber besteht Washington nicht darauf. Es hat die Bedingungen der neuen Interdependenz erkannt und ist gewillt, nach dieser Erkenntnis zu handeln: Seine Partner also mitwissen und mitwirken zu lassen, wo es um die großen Entscheidungen des gemeinsamen Lebens und Überlebens geht. Mit den Athener Beschlüssen ist auf militärischem Gebiet ein vielversprechender Anfang auf dem Wege zu sinnvoll gestalteter Interdependenz gemacht worden. Es ist ein zaghafter Anfang, gewiß, und der Tag ist noch fern, da Amerika sich wirklich in die NATO einfügt, anstatt die NATO einfach als Anhängsel seines eigenen Militärapparats zu betrachten. Dennoch: Die Reform ist im Gange. Und auch im wirtschaftlichen Bereich ist zumindest das Ziel sichtbar geworden, wenngleich die Straße dahin noch von manchen Hürden verstellt ist.

Jetzt also ist Dean Rusk nach Europa gekommen, um gemeinsam mit den Partnern Amerikas die Fluchtlinien für die Zukunft abzustecken. Seine Mission ist schwierig genug, weil er als Vertreter einer Macht kommt, die im atlantischen Bündnis zwar noch führt, aber nicht mehr herrscht. Seine Aufgabe wird indessen dadurch ungeheuer erschwert, daß er an den beiden wichtigsten Stationen seiner Reise, in Paris und Bonn, mit Staatsmännern reden muß, die zwar noch herrschen, aber nicht mehr führen.