In wenigen Tagen beginnen an den meisten amerikanischen Universitäten die Sommerkurse. Frauen und Männer, die längst im Beruf stehen, werden wieder Studenten. Ein, zwei Monate lang sitzen sie im Kolleg, arbeiten in Labors oder bereiten sich auf Seminare vor. Die „Summer-School“ wird vor allem von den Lehrern besucht, die hier ihr Wissen erweitern.

„Ich besuche die Ferienkurse aus reiner Selbstverteidigung“, sagte mir einmal ein amerikanischer Physiklehrer, „meine Schüler bringen mich ständig in Verlegenheit. Da lesen sie in der Zeitung etwas über die Entdeckung neuer Elementarteilchen, und am nächsten Tag soll ich ihnen die ‚Blasenkammer‘ und das ‚Scanning‘ erklären, dabei war zu meiner Studienzeit noch nicht einmal das Neutron entdeckt.“

Physiklehrer haben es besonders schwer, denn wohl keine Wissenschaft schreitet in so rapidem Tempo fort wie die ihre. Sicher, es ist keine Tragödie, wenn auch ein Lehrer einmal zugeben muß, daß er über ein modernes Forschungsgebiet nicht mehr weiß als seine Schüler, indessen verschieben sich gerade in den exakten Naturwissenschaften ständig die Akzente. Neue Erkenntnisse, wie beispielsweise die Entdeckung der Antikörper oder der Halbleiter, haben die Physik nicht nur um einige interessante Ergebnisse bereichert, sondern überdies neue grundsätzliche Einblicke in das Wesen der Materie und den Mechanismus der elektrischen Leitung eröffnet, Einblicke, die zur Revision unseres physikalischen Weltbildes zwingen.

Nun kann man aber von dem Physiklehrer, der vor zehn oder zwanzig Jahren sein Staatsexamen gemacht hat, schlechthin nicht erwarten, daß er seinen Schülern dieses revidierte Bild der Physik vermittelt, selbst dann nicht, wenn er sich über den neuesten Stand der Entwicklung durch das Studium von Fachzeitschriften gelegentlich informiert.

Die Amerikaner haben das längst erkannt, die Teilnahme an den akademischen Sommerkursen ist vor allem für die Physiklehrer der Highschools fast zur Selbstverständlichkeit geworden. In der Bundesrepublik gibt es eine solche Einrichtung nicht. Sie ließe sich nach dem amerikanischen Vorbild auch nicht schaffen, denn die Sommerschulferien sind zu kurz. Wir müßten schon nach anderen Wegen suchen, um zu verhüten, daß unsere Abiturienten die Schule mit einer antiquierten Vorstellung von der Physik verlassen.

Der wissenschaftlichen Weiterbildung von Physiklehrern in der Bundesrepublik war der Vortrag gewidmet, den Dr. Karl Hecht, Abteilungsleiter der Leybold-Lehrmittelfabrik, bei der Pfingsttagung zur Pflege der Zusammenarbeit zwischen Universität und Schule in Münster hielt. Hecht schlug vor, die Physiklehrer alle fünf bis sechs Jahre für ein halbjähriges Universitätsstudium vom Schuldienst zu suspendieren. „Es kommt nicht darauf an, alles inzwischen bekanntgewordene Wissen enzyklopädisch zu sammeln, sondern auf das Lernen an Beispielen“, rief er seinem Publikum, Lehrern und Beamten der Schulverwaltung, zu. Dieses Studium am Experiment, seit eh und je der Schlüssel zum physikalischen Verständnis, ist nur an der Universität möglich, und es erfordert Zeit, wenigstens ein Semester, um „fachgerechtes Bekanntwerden mit den neuen Erkenntnissen und Einsichten der Physik zu gewinnen“.

Der Vortragende konnte seine Zuhörer schnell davon überzeugen, daß die Beschäftigung mit neuen Forschungsergebnissen in der Tat dazu führen kann, auch im Schulunterricht über die Grundlagen der Physik die Akzente richtig zu setzen. Hecht hatte sich von der Technischen Hochschule Karlsruhe einen „Laser“ ausgeliehen, jenen Lichtverstärker, der kürzlich vor allem im Zusammenhang mit seiner Verwendungsmöglichkeit als Vernichtungswaffe in der Presse diskutiert wurde. Für den Physiklehrer ist der Laser aber mehr als nur ein spitzfindiges technisches Instrument, mit dem man scharf gebündelte Lichtstrahlen erzeugen kann, denn seine Funktion bestätigt erstmalig eine Vermutung, die Albert Einstein 1917 aufgestellt hat: die induzierte Emission.