An der Ruhr stehen die Zeichen auf Sturm. Wenn diese Zeitung erscheint, sind die Würfel, ob die Zechen des westdeutschen Steinkohlebergbaus bestreikt werden oder nicht, gefallen. Denn die in der vergangenen Woche durchgeführte Urabstimmung brachte – erwartungsgemäß – die Mehrheit für den Streik der Bergarbeiter, und der Vorstand der IG Bergbau und Energie, der jetzt über Krieg oder Frieden an der Ruhr zu befinden hat, wird diesem Votum nicht nachstehen, zumal die Gewerkschaftsführung ohnehin schon in der der Urabstimmung vorausgegangenen Funktionärskonferenz eine empfindliche Schlappe erlitten hatte und eine Heraufsetzung ihrer eigenen Wünsche um 2% dulden mußte. Jetzt geht es um eine zehnprozentige Lohnforderung der Gewerkschaft; ein Gegenangebot von der Arbeitgeberseite hat es diesmal gar nicht gegeben, und das mit gutem Grund.

Für den Unternehmensverband Ruhrbergbau war die Diskussion mit den Tarifpartnern noch nie so „einfach“ wie jetzt. Die Ablehnung jedweder Kostensteigerung ist diesmal eine zwingende Notwendigkeit, für viele Zechengesellschaften bereits eine Existenzfrage. Die festen Regeln des „bewährten“ Spielchens, das Feilschen um Prozente, das von beiden Seiten mit unechten Argumenten, mit übertriebenen Forderungen und mit untertriebenen Angeboten geführt wird – es heißt dann Taktik, müßte bei der Kohle versagen. Die Kostenrechnung der Zechen haben keinen Spielraum mehr für zusätzliche Belastungen.

Eine Lohnerhöhung um 1 % bringt eine Kostensteigerung um 0,44 DM je Tonne abgesetzter Kohle; das würde bedeuten, daß die Verwirklichung der Forderung der IG Bergbau und Energie die, Lohnkosten der Zechen um 4,40 DM je. Tonne Kohle belasten würde. Und das ist nicht drin. Eine Produktivitätsreserve ist bei den Zechen nicht vorhanden; die zweifellos beachtlichen Fortschritte, die in den letzten Jahren unter dem Druck der Lohnbewegungen erzielt wurden, waren noch nicht einmal in allen Fällen ein ausreichenden Pflaster für die Wunden des Bergbaus. Nachhaltige Erlösschmälerungen und gleichzeitige Lohnkostensteigerung haben die Zechen in die fatale Situation gebracht, daß es nicht nur bei einigen Außenseitern hohe rote Zahlen gibt. Der früher so bequeme Weg des Ausgleichs über den Kohlepreis kann selbst von Illusionisten nicht als gangbar angesehen werden.

Die Auffassung des Zechenverbandes, daß die Bergarbeiterlöhne gegenwärtig überhaupt nicht angehoben werden sollten, kommt also nicht von ungefähr. Von ungefähr kommt allerdings auch nicht die hartnäckige Forderung der Industriegewerkschaft Bergbau, die unter anderem wieder mit dem Dogma „der Bergmann gehört an die Spitze der Lohnskala“ operiert. Damit war auch früher jede Lohnerhöhung im Bergbau durchzusetzen gewesen; denn es paßt so vorzüglich in den Mythos von der heimischen Kohle. Daß dabei der Begriff „Bergmann“ pauschal für alle Arbeitnehmer im Bergbau gesetzt wird, hat zwar früher kaum jemanden gestört. Aber muß das so sein? Eine Revision dieses Dogmas ist fällig. Es ist überholt. Wenn davon überhaupt etwas Gültigkeit behalten soll, dann muß mindestens zwischen Unter- und Über-Tag-Belegschaft differenziert werden. Aber die Erklärung des Bochumer Tarifexperten – daß es nicht angehe, die Kohle „über den Sozialstand der Bergleute zu sanieren“ – ist indessen nicht gerade vielversprechend.

Die Bochumer Gewerkschaftszentrale hat auch ganz andere Pläne. Selbstverständlich weiß sie, die über die Mitbestimmung in den Vorständen und Aufsichtsräten der Zechengesellschaften vertreten ist, wie es um den Bergbau steht. Daß es ohne einen Ausgleich von irgendwoher nicht möglich ist, die Kohle mit noch höheren Kosten zu belasten, wird unter der Hand auch von Gewerkschaftsvertretern anerkannt. Neue staatliche Interventionen zugunsten des Bergbaus sind das, was sich die IG Bergbau und Energie erträumt. Ihr erklärtes Ziel ist die Sozialisierung. Jede neue staatliche „Krücke“ – deren gibt es im Kohlenbergbau ja schon eine ganze Reihe – erleichtert den Marsch auf dieses Ziel. Mit ihren überhöhten Lohnforderungen und dem angedrohten Streik ist die IG Bergbau zu einem neuen Großangriff auf die privatwirtschaftliche Ordnung der Kohlewirtschaft angetreten. Ingrid Neumann