Von Gottfried Sello

Die Recklinghäuser Kunstausstellungen, eine Parallelaktion zu den Ruhrfestspielen, sind aus Grundsatz anders als andere Ausstellungen. Sie stehen jedes Jahr unter einem bestimmten Thema. Dieses Thema ist nicht nur ein Vorwand, um für die Dauer der Festspiele schöne, wertvolle, schwer erreichbare Bilder von überall her nach Recklinghausen zu holen. Mit dem Thema soll etwas demonstriert werden, irgendeine künstlerische Antinomie.

In jedem Jahr eine andere.

Mancher ist allergisch gegen zu viel Kunstpädagogik, und eine Ausstellung mit Meisterwerken ist keine Volkshochschule. Alles hängt davon ab, ob man die richtigen Antinomien zur Hand hat. Es gab Deutsche und Französische Kunst, eine klare, unzweideutige, nützliche Sache. Es gab im letzten Jahr „Apollinisch – Dionysisch“, für die Bildende Kunst ist das eine denkbar unglückliche, unklare, vieldeutige Antinomie. In diesem Jahr heißt das Thema „Idee und Vollendung“, und es ist die beste Ausstellung, die es bisher in Recklinghausen gegeben hat.

Was sieht man in den drei Stockwerken der Kunsthalle? Einundsiebzig Werke aus allen Zeiten und Ländern und auch sehr unterschiedlichen Ranges, jedes in verschiedenen Phasen, von der prima idea bis zur letzten Fassung. Also die Genesis des Kunstwerks, den Prozeß, den Weg, die Entwicklung, was alles eher auf ein Kontinuum als auf eine Antinomie zu verweisen scheint. Die Endglieder dieses Prozesses, den man sich aus geistiger Bequemlichkeit eben als kontinuierlich denkt, als Idee und Vollendung gegeneinanderzustellen, gibt der Sache eine abenteuerliche Dimension, auch wenn der harmlose Festspielbesucher gar nicht merkt, in was für ein Abenteuer er hineingeraten könnte. Und man kann das ja auch sehr harmlos nehmen. Man sieht das Bild und sieht den Entwurf zu dem Bild. Also: Skizze und Werk, eine technische Angelegenheit, der Unterschied von Handzeichnung und Ölgemälde. Jeder Laie weiß, daß für ein Kunstwerk Vorarbeiten nötig sind. Es schärft den Blick, Entwurf und Werk zu vergleichen. Dabei gilt das Werk als das Primäre, die Apollostatue des Despiau oder ein Kircheninterieur, des Saenredam. Der Künstler, der das Kirchenschiff oder den männlichen Akt zeichnet, tut. das um des Werkes willen, das er fertig im Kopf hat. Viel häufiger und viel wichtiger sind die andern Beispiele, wo die Skizze primär ist, die „blitzhafte Hinzeichnung“ (sagt Hofmannsthal) der prima idea, von der niemand voraussehen und wissen kann, wohin das führt.

Soll also in Recklinghausen die Eigenwertigkeit der Skizze oder sogar ihr ästhetischer Primat gegenüber dem künstlerischen Endprodukt demonstriert werden? Dafür brauchte man weiß Gott nicht diesen Aufwand an Meisterwerken aus allen Epochen: Dürer, Rubens, Tintoretto, van Gogh, Marc und Beckmann! Wir sind heute alle ohnehin voreingenommen für die Skizze, fürs genial Fragmentarische und Spontane. Wir finden die Zeichnungen der Alten Meister oft viel interessanter, lebendiger, aktueller als ihre Gemälde. Und in gewissem Sinne sind die neuesten Äußerungen der Kunst, sind informell und action painting die Negation, die Auflösung der alten Antinomie Idee und Vollendung. Im spontanen Akt des Bildermachens fallen Impuls und Ausführung, Idee und Vollendung, zusammen. Vielleicht sind wir bald so weit, daß sich die Gewichte verlagern, daß wir für die Kategorie des Vollendens empfänglich werden, für ihre veralteten Tugenden von Geduld und Arbeit, für das, was pedantisch aussieht und nur die andere Seite des Genialen darstellt. Das Streben nach Vollendung ist der natürlichste Vorgang der Welt. Jeder macht das, was er macht, so gut wie möglich. „Ein gut Bild kann außerhalb Fleiß und Mühe nicht gemacht werden.“ So Albrecht Dürer. „Idee und Vollendung“ will den Betrachter nicht zur Parteinahme für das eine oder das andere herausfordern. Sie macht das anschaulich, was zwischen Anfang und Ende geschieht, das Werden des Kunstwerks, seine Schöpfungsgeschichte. Und das ist oft eine Leidensgeschichte, nicht nur eine Künstlertragödie, weil die Kraft nicht genügt, um ans Ziel zu kommen, sondern weil manchmal das Ziel ein Irrtum und das Scheitern. unausbleiblich ist. Dann verschiebt sich aus zeitlicher Distanz die Perspektive. Was der Künstler gewollt hat, wird unerheblich. Poussin ist einer der großen Namen auf der Ausstellung, ein Maler der „Vollendung“, auch wenn er zeichnet, arbeitet er auf das Gemälde hin, und sein Gemälde ist Inbegriff der Vollkommenheit, einer malerischen Vollkommenheit, Gesittung der Farben, klassische Ordnung, das vollkommene Werk des ersten Wahl-Römers. Im Katalog, der zu jedem Werk die Dokumentation seiner Entstehung bringt, wird ein Brief von Poussin zitiert. Er fordert für die Malerei, es müsse „das Thema oder Sujet groß geartet sein, wie etwa Schlachten, heroische Taten und göttliche Dinge“. Das Bild ist hinreißend gemalt, die Kostbarkeit der Farbsubstanz erinnert an Vermeer. Aber sein Thema? Erst zu Hause habe ich nachgelesen, daß es eine „Errettung des Moses“ darstellt.

Die Idee kommt manchmal aus der Anschauung, einem zufälligen optischen Eindruck, oder aus der Literatur, aus der Erinnerung, einem Bericht. Der gedankliche oder literarische Anteil an der prima idea ist beträchtlich, und der bei den Italienern beliebte Ausdruck pensiero für alle Arten solcher ersten Niederschriften ist akzeptabel.