Eine Umfrage durchleuchtet veraltete Anschauungen

Von Erwin Topf

Zustände wie im Mittelalter – dieses saloppe Urteil trifft, so scheint es, immer noch für die Vorstellungen zu, die Menschen aus der Stadt „vom Lande” haben, und nicht nur dies: In der Stadt – ebenso wie auf dem Lande – halten sich veraltete Anschauungen und in Notzeiten entstandene Ressentiments zäh am Leben. Vorurteile, genährt von Unwissenheit, schlechtem Gewissen und Trotz, bilden vor allem in Deutschland eine Kluft, die zu überbrücken noch nicht gelungen ist. Zu den Versuchen, das gegenseitige Verständnis jetzt mehr als bisher zu fördern, gehört eine Umfrage, über die hier berichtet wird.

Wenn man Sie fragte, ob Sie der deutschen Landwirtschaft ein „modernes Denken“ zubilligen oder zutrauen – was würden Sie dann wohl antworten?

Nun: vermutlich würden sich, sofern man diese Frage einem größeren Kreis von Nicht-Landwirten vorlegte, das „Ja“ und das „Nein“ etwa die Waage halten. Nur ein verhältnismäßig geringer Teil der Befragten würde wohl gegen diese Art der Fragestellung einwenden, daß die Verhältnisse innerhalb der deutschen Landwirtschaft viel zu differenziert seien, als daß sich ein Urteil in Bausch und Bogen geben lasse. Solche Bedenken – gegen ein leichtfertiges Verallgemeinern mehr oder minder zufällig zustandegekommenen persönlicher Eindrücke in „Globalurteilen“ – werden wahrscheinlich insbesondere von Leuten geäußert werden, die sich wissenschaftlich mit irgendwelchen das flache Land oder die Agrarwirtschaft betreffenden Sachverhalten zu befassen haben. Als Beispiel hierfür mag zitiert werden, was häufig genug in den agrarpolitischen Diskussionen der letzten Jahre zu hören war. Nämlich: „Ein Satz, der mit den Worten beginnt ‚die deutsche Landwirtschaft ...‘ ist schon falsch, denn ‚die deutsche Landwirtschaft‘ als Einheit gibt es gar nicht; es gibt nur einige Hunderttausend unter sehr verschiedenartigen Verhältnissen arbeitende Einzelbetriebe!“

Das ist ohne Zweifel eine richtige Erkenntnis; nur hilft sie dann nicht recht weiter, wenn es notwendig ist, sich präzise Vorstellungen etwa von der ökonomischen Struktur unserer Landwirtschaft zu machen, um – in der Agrarpolitik etwa – zu „richtigen“ und zweckentsprechenden Ansätzen zu gelangen. Und umgekehrt müßte ja wohl „die“ Landwirtschaft höchlichst daran interessiert sein zu erfahren, was die nicht-landwirtschaftliche Bevölkerung (oder „der Städter“, wie wir einmal vereinfachend sagen wollen) von ihr denkt... In dem einen wie in dem anderen Falle, also bei der Analyse wirtschaftlicher Tatbestände ebenso wie bei der Ermittlung der Plus- und der Minuspunkte, die „dem“ Bauern in der Meinung „des“ Städters zugerechnet werden, kommt man ohne eine weitgehende Differenzierung – schon im Ansatz, in der Fragestellung – nicht zurecht. Denn mit Durchschnittswerten und globalen Urteilen ist weder dem Wirtschaftspolitiker noch dem Meinungsforscher recht gedient; jeder muß, für seine spezifischen Erkenntniszwecke, die Fülle des Materials zunächst einmal „ausbreiten“, und dann unter mannigfachen Gesichtspunkten („sinnvoll“) gruppieren. Das ist – nehmt alles nur in allem – eine Aufgabe, bei der man ohne den Fachwissenschaftler nicht auskommt: Mag es sich nun um den „Grünen Bericht“ handeln, der alljährlich dem Parlament vorgelegt wird, oder um eine Meinungsbefragung darüber, wie die Städter über „die“ Landwirtschaft denken.