Niemand erinnerte sich noch des Staatsanwalts Pinard, der Mitte des vorigen Jahrhunderts im zweiten Kaiserreich beim Pariser Zuchtpolizeigericht amtierte, hätte er nicht zwei berühmte Angeklagte gehabt. Pinard kann für sich in Anspruch nehmen, als erster in den seit der großen Revolution erlassenen Strafvorschriften gegen unzüchtige Schriften – geschaffen zur Bekämpfung der Pornographie, die unter dem Schutze der neuen unbeschränkten Publikationsfreiheit sich allzu reichlich ans Tageslicht wagte – ein Mittel zur Unterdrückung mißliebiger moderner Literatur erkannt zu haben. Gestützt auf jene Paragraphen, klagte er Charles Baudelaire und Gustave Flaubert der Verbreitung unzüchtiger Schriften an.

Bei Baudelaire waren es die Fleurs du Mal – vom Figaro „im Namen der öffentlichen Moral“ der Aufmerksamkeit der Strafverfolgungsbehörden empfohlen –, die den Dichter 1857 auf die Anklagebank des Zuchtpolizeigerichts brachten. Es half ihm nicht, daß er sich auf die Moral der Kunst berief, die ganz etwas anderes sei als die positive und praktische Moral, der jedermann sich unterwerfen müsse. Es half ihm nicht, daß er pathetisch erklärte: „Mein Buch enthält eine moralische Nutzanwendung, die gewiß schrecklich ist, aber der Blasphemie steht gegenüber mein Klageruf, der gen Himmel dringt.“ Das Zuchtpolizeigericht verbot sechs der Gedichte als unzüchtig und verurteilte Baudelaire und seinen Verleger zu Geldstrafen.

Bei Flaubert richtete sich das Strafverfahren gegen Madame Bovary. Die Anklageschrift Pinards, die als ein Dokument der Prüderie und Intoleranz in die Literaturgeschichte eingegangen ist, behandelt dies Meisterwerk der Weltliteratur als Verbrechen, attackiert gerade die schönsten Züge der Dichtung und beschuldigt die ganze realistische Richtung unzüchtiger Absichten und gewalttätiger Ziele. Die 6. Kammer des Pariser Zuchtpolizeigerichts, die am 7. Februar 1857 über Flaubert und seinen Roman zu urteilen hatte, folgte dem Staatsanwalt nicht. Sie sprach den Dichter frei, erteilte ihm aber kategorische Richtlinien für die weitere Arbeit und stellte von Staats wegen fest, was Aufgabe der Kunst sei:

„Es ist nicht erlaubt, unter dem Vorwand der Charakterschilderung und der Lokalfarbe Handlungen, Gedanken und Aussagen von Personen in ungewöhnlicher Weise wiederzugeben. Geisteswerke eines solchen Systems müssen zu einem Realismus führen, der die Verneinung des Guten und Schönen bedeutet, Geist und Blick beleidigt und die öffentliche Moral beständig verletzt. Die Mission der Literatur muß es sein, zu schmücken und den Geist durch Reinigung der Sitten zu erneuern.“

Und nun etwas sehr Französisches! Fast hundert Jahre nach jenem Urteil wurde der Dichter der Fleurs du Mal auch gerichtlich rehabilitiert. Auf Antrag der Schutzgemeinschaft der Autoren, der Société des gens de lettres de France, führte die Strafkammer des Pariser Kassationshofs 1949 ein Wiederaufnahmeverfahren „in Sachen Baudelaire“ durch. Inzwischen hatte die Justiz gelernt. „Ich überlasse es Ihnen, meine Herren Richter“, plädierte der Staatsanwalt jetzt, „die verurteilten Gedichte erneut zu lesen. Ihre Kollegen Von 1857 haben in gutem Glauben gehandelt. Seitdem hat die gebildete Welt das Urteil gesprochen, und dieses Urteil ist einhellig. Ich habe die Ehre, Sie um die Rehabilitierung eines Dichters, eines großen Dichters, zu bitten. Recht und Wirklichkeit sollen, eins sein.“

Gewiß, Baudelaire bedurfte der Rehabilitierung nicht. Dennoch war dieses Wiederaufnahmeverfahren, wie mir scheint, mehr als eine sympathische Geste. Es ist ungemein erzieherisch: Es warnt alle, die es angeht, vor blindem Eifer in Literaturprozessen, damit sie nicht zum Gespött der Geschichte werden, wie jener Staatsanwalt Pinard, der unvergessen ist, obwohl er schon mehr als ein halbes Jahrhundert im Jenseits weilt, „der Hölle ein willkommener Spott und peinlich selbst dem lieben Gott“.

Was die Obrigkeit zu verschiedenen Zeiten unter Kunst verstand und verstanden wissen wollte, ist uns für unser Jahrhundert in Dokumenten überliefert.