Wilhelm II. war selbst hervorgetreten als Schöpfer des Bildes "Völker Europas, wahret Eure heiligsten Güter", als Komponist des Sanges an Ägir und als Dirigent der Eulenburgschen Rosenlieder. Am 18. Dezember 1901, als in der Siegesallee die letzte Gruppe unter den Denkmälern der brandenburgisch-preußischen Herrscher enthüllt wurde, ergriff er "mit Freuden die Gelegenheit", den versammelten Bildhauern endlich – es war das dreizehnte Jahr seiner Regierung – seine Richtlinien für die Kunst zu verkünden. Mit sich selbst, den Künstlern und deren Werk äußerst zufrieden, stolz auf seine Berliner Bildhauerschule, die er "auf einer Höhe" wähnte, "wie sie wohl kaum je in der Renaissancezeit schöner hätte sein können", sprach der "kunstliebende Fürst", wie er sich selbst nannte, von der Freiheit der Kunst:

"Ich glaube, Sie werden Mir das Zeugnis nicht versagen können, daß Ich Ihnen die absolute Freiheit gegeben habe, nicht nur die Freiheit in der Kombination und Komposition, sondern gerade die Freiheit, das von sich hineinzulegen, was jeder Künstler tun muß, um erst dem Kunstwerk sein eigenes Gepräge zu verleihen; denn jedes Kunstwerk birgt immer ein Körnchen vom eigenen Charakter des Künstlers in sich." Dann stellte der Kaiser die zentrale Frage: "Was ist es mit der Kunst überhaupt in der Welt?" Und er antwortete:

"Sie nimmt ihre Vorbilder, schöpft aus den großen Quellen der Mutter Natur, und diese, die Natur, trotz ihrer großen, scheinbar ungebundenen, grenzenlosen Freiheit, bewegt sich doch nach den ewigen Gesetzen, die der Schöpfer sich selbst gesetzt hat, und die nie ohne Gefahr für die Entwicklung der Welt überschritten oder durchbrochen werden können.

Ebenso ist’s in der Kunst; und beim Anblick der herrlichen Überreste aus der alten klassischen Zeit überkommt einen auch wieder dasselbe Gefühl; hier herrscht auch ein ewiges, sich gleichbleibendes Gesetz: das Gesetz der Schönheit und Harmonie, der Ästhetik. Dieses Gesetz ist durch die Alten in einer so überraschenden und überwältigenden Weise, in einer soivollendeten Form zum Ausdruck gebracht worden, daß wir in allen modernen Empfindungen und, allem unseren Können stolz darauf sind, wenn gesagt wird bei einer besonders guten Leistung: "Das ist beinahe so gut, wie es vor 1900 Jahren gemacht worden ist."

Aber beinahe! Unter diesem Eindrucke möchte ich Ihnen dringend ans Herz legen: noch ist die Bildhauerei zum größten Teil rein geblieben von den sogenannten modernen Richtungen und Strömungen, noch steht sie hoch und hehr da – erhalten Sie sie so, lassen Sie sich nicht durch Menschenurteil und allerlei Windlehre dazu verleiten, diese großen Grundsätze aufzugeben, worauf sie auferbaut ist!

Eine Kunst, die sich über die von Mir bezeichneten Gesetze und Schranken hinwegsetzt, ist keine Kunst mehr, sie ist Fabrikarbeit, ist Gewerbe, und das darf die Kunst nie werden. Mit dem viel mißbrauchten Wort "Freiheit" und unter seiner Flagge verfällt man gar oft in Grenzenlosigkeit, Schrankenlosigkeit, Selbstüberhebung. Wer sich aber von dem Gesetz der Schönheit und dem Gefühl für Ästhetik und Harmonie, die jedes Menschen Brust fühlt, ob er sie auch nicht ausdrücken kann, loslöst und in Gedanken in einer besonderen Richtung, einer bestimmten Lösung mehr technischer Aufgaben die Hauptsache erblickt, der versündigt sich an den Urquellen der Kunst.

Aber noch mehr: Die Kunst soll mithelfen, erzieherisch auf das Volk einzuwirken, sie soll auch den unteren Ständen nach harter Mühe und Arbeit die Möglichkeit geben, sich an dem Idealen wieder aufzurichten. Uns, dem deutschen Volke, sind die großen Ideale zu dauernden Gütern geworden, während sie anderen Völkern mehr oder weniger verloren gegangen sind. Es bleibt nur das deutsche Volk übrig, das an erster Stelle berufen ist, diese großen Ideen zu hüten, zu pflegen, fortzusetzen, und zu diesen Idealen gehört, daß wir den arbeitenden, sich abmühenden Klassen die Möglichkeit geben, sich an dem Schönen zu erheben und sich aus ihren sonstigen Gedankenkreisen heraus- und emporzuarbeiten. Wenn nun die Kunst, wie es jetzt vielfach geschieht, weiter nichts tut, als das Elend noch scheußlicher hinzustellen, wie es schon ist, dann versündigt sie sich damit am deutschen Volke. Die Pflege der Ideale ist zugleich die größte Kulturarbeit, und wenn wir hierin den anderen Völkern ein Muster sein und bleiben wollen, so muß das ganze Volk daran mitarbeiten, und soll die Kultur ihre Aufgabe voll erfüllen, dann muß sie bis in die untersten Schichten des Volkes hindurchgedrungen sein. Das kann sie nur, wenn die Kunst die Hand dazu bietet, wenn sie erhebt, statt daß sie in den Rinnstein niedersteigt.