Ich empfinde es als Landesherr manchmal recht bitter, daß die Kunst in ihren Meistern nicht energisch genug gegen solche Richtungen Front macht. Ich verkenne keinen Augenblick, daß mancher strebsame Charakter unter den Anhängern dieser Richtungen ist, der vielleicht von den besten Absichten erfüllt ist, er befindet sich aber doch auf falschem Wege. Der rechte Künstler bedarf keiner Marktschreierei, keiner Presse, keiner Konnexionen. Ich glaube nicht, daß Ihre großen Vorbilder auf dem Gebiete der Wissenschaft weder im alten Griechenland noch in Italien, noch in der Renaissancezeit je zu einer Reklame, wie sie jetzt durch die Presse vielfach geübt wird, gegriffen haben, um ihre Ideen besonders in den Vordergrund zu rücken. Sie haben gewirkt, wie Gott es ihnen eingab, im übrigen haben sie die Leute reden lassen.

Und so muß auch ein ehrlicher, rechter Künstler handeln. Die Kunst, die zur Reklame heruntersteigt, ist keine Kunst mehr, mag sie hundert- und tausendmal gepriesen werden. Ein Gefühl für das, was häßlich oder schön ist, hat jeder Mensch, mag er noch so einfach sein, und dieses Gefühl weiter im Volke zu pflegen, dazu brauche Ich Sie alle, und daß Sie in der Siegesallee ein Stück solcher Arbeit geleistet haben, dafür danke Ich Ihnen ganz besonders.

Das kann Ich Ihnen jetzt schon mitteilen: der Eindruck, den die Siegesallee auf den Fremden macht, ist ein ganz überwältigender, überall macht sich ein ungeheurer Respekt für die deutsche Bildhauerei bemerkbar. Mögen Sie auf dieser Höhe stets stehen bleiben, mögen auch Meinen Enkeln und Urenkeln, wenn sie Mir dereinst erstehen werden‚ die gleichen Meister zur Seite stehen!"

"Endlich! der Kaiser hat gesprochen. Hat seine Kunstanschauungen verkündet und damit alles gerechtfertigt, was wir die ganzen Jahre als Zensurbehörde taten und wofür man uns mit soviel Dreck bewarf", schrieb der Berliner Polizeipräsident von Richthofen, derselbe, mit dem sich 1890 Oskar Blumenthal, Intendant des Berliner Lessingtheaters, hatte auseinandersetzen müssen.

Blumenthal: "Ich höre soeben, Herr Präsident, daß mir drei Tage vor der ersten Aufführung Sudermanns Drama ‚Sodoms Ende‘ verboten werden soll?"

v. Richthofen: "Das stimmt!"

Blumenthal: "Ja, aber bedenken Sie. die Situation eines Bühnenleiters, Herr Präsident! Vierzehn Tage angestrengter Bühnenproben ein Gastspiel mit Joseph Kainz für diese Novität abgeschlossen ... der ganze Spielplan der nächsten Wochen darauf gebaut... selbstverständlich kein Ersatzstück vorbereitet... die Erfolge des früheren Repertoires ausgeschöpft... das Haus für die ersten drei Vorstellungen schon vollständig ausverkauft... und nun diese Ratlosigkeit auf der Höhe der Saison, in der besten Zeit des Theaterjahres..."