Wieder eine Ausnahme?

Die Deutschen sind ein schreckliches Volk!" Mit dieser Behauptung können Sie heute in Deutschland kaum mehr jemanden aufregen.

Aber versuchen Sie’s mal mit: "Die Kleingärtner sind schreckliche Leute." Aufbraust ein Ruf wie Donnerhall.

Wo liegt der Unterschied? Es ist wirklich ganz einfach: Das "deutsche Volk" des Jahres 1962 hat nicht die Solidarität eines Interessenverbandes.

Als ich ein Buch über Deutschland schrieb, versuchte ich, das eine wie das andere zu vermeiden: die billig zu habende Abstraktion, von der sich kein Mensch, getroffen fühlt, wie die Pauschalkritik ganzer Gruppen, die dann, durch solche "Angriffe von außen" zur Bildung von Korpsgeist ermuntert, aufstehen wie ein Mann.

Ich schilderte statt dessen einzelne Fälle, ganz konkret, geduldig, einen nach dem anderen. Die konkrete Aussage verlangte freilich, daß die geschilderten Deutschen ein bestimmtes Alter, einen Beruf, einige Neigungen, nach Möglichkeit einen Wohnort haben. Dadurch geraten sie wieder in Gruppen hinein, die sich ihrer annehmen: die "Jugendlichen" etwa oder die Ärzte, die Anhänger der Freikörperkultur oder die Bottroper.

Die auf solche Weise gereizte Solidarität kann zwar die beschriebenen Fälle nicht leugnen (im Zeitalter der "einstweiligen Verfügung" wird sich ein Autor hüten, konkret Unerfreuliches zu schildern, wenn er es nicht nachweisen kann), aber sie kann sich auf die "Ausnahme-Stellung" zurückziehen: Jeder beschriebene, nachweisbare Fall wird als ganz untypisch, als Ausnahmefall eben, deklariert. Als "typisch" bleibt auf diese Weise das für die Gruppensolidarität Schmeichelhafte übrig.

Und das ist gar nicht so leicht zu widerlegen. Als Dr. Gerhard Szczesny, der Leiter des von ihm aufgebauten Sonderprogramms beim Bayerischen Rundfunk, in die Lage gebracht wurde, daß er kündigen mußte, wollte das vielen von uns "typisch" erscheinen für allenthalben wieder ins Kraut schießende Bestrebungen, die freie Meinungsäußerung ein bißchen zu gängeln.

Wieder eine Ausnahme?

"Aber nein", sagten Gutgläubige damals, "das war doch eine Kurzschlußreaktion (so nennt man das heute immer) von Szczesny, das wäre doch gar nicht nötig gewesen ..."

Sein ein wenig im Volkshochschul-Stil konzipiertes Hauptprogramm hatte Szczesny angereichert durch freie Diskussionen von der Sorte, die das Beiwort "frei" verdient; und durch eine Art Funk-Kolumne, in der, unter dem Titel "Marginalien", so unbequeme Leute wie Alfred Andersch, Hans Magnus Enzensberger, Walter Jens, Ludwig Marcuse und Hermann Kesten genau das sagten, was sie über manche Zeiterscheinungen dachten.

"Dat der dat daaf?" wunderte sich damals schon mancher in strengem Autoritätsglauben erzogene Bürger. Aber wo von einem "bayerischen Klerikalfaschismus" die Rede war, konnte unsereiner, halb getröstet, auf Szczesny und sein Programm hinweisen: "Das gibt es ja schließlich auch noch."

Gibt es das noch? Szczesny mußte gehen, glaubte gehen zu müssen – ging jedenfalls.

Dann gab es mal wieder eine jener freien Diskussionen. Das Ergebnis entsprach offenbar nicht ganz den Erwartungen der Veranstalter. Die Diskussion, die immerhin ein paar tausend Mark gekostet hatte, wurde nicht gesendet. Das heißt: sie wurde dann doch gesendet, in einer Neufassung, bei der man einen der Teilnehmer ausgeschlossen hatte. So ganz im Stillen und ohne etwas davon zu sagen. Sonst hätte wohl nicht nur der Betroffene protestiert, sondern (da es sich um ehrenwerte Männer handelte, möchte ich das erwarten) auch die anderen Teilnehmer hätten sich geweigert, bei einer Reprise unter solchen Umständen mitzuwirken.

Gar nicht typisch? Ausnahme? Vielleicht. "Vielleicht" dachte auch ich, bis mir bekannt wurde, daß man nicht nur auf Szczesny verzichtet hat, daß nicht nur nach seinem Weggang für den "ordnungsgemäßeren" Ablauf der einst wohl allzu freien Diskussionen gesorgt wurde, sondern daß auch die Marginalien nunmehr offenbar einer strengen Zensur unterworfen werden.

Ludwig Marcuse kommentierte den Brühne-Prozeß. Nachdem er lange genug in einem angelsächsischen Land gelebt hatte, fand er das Urteil empörend. Hierzulande finden wir es eher richtig. Aber kann das denn heißen, daß niemand mehr öffentlich, beispielsweise über einen Rundfunk, sagen darf, er finde es falsch; daß niemandmehr seine wohlüberlegten Gründe für eine verantwortungsbewußte Meinung recht deutlich erläutern darf, und weiche diese Meinung von der Ansicht einer Majorität auch noch so weit ab? Tatsache ist ja doch, daß Frau Brühne nach angelsächsischem Recht, das Zeugenaussagen aus zweiter Hand ("Ferbach hat mir erzählt. ...", "meine Mutter hat mir erzählt...") nicht zuläßt, niemals hätte verurteilt werden können.

Wieder eine Ausnahme?

Gut. Bei uns gilt eben deutsches Recht. Aber nach deutschem Recht ist es glücklicherweise noch immer erlaubt, über den Verlauf, eines Prozesses eine andere Meinung zu haben als der Richter oder als die Mehrheit der Bevölkerung: Mit welchem Recht unterbindet der Bayerische Rundfunk dieses deutsche Recht?

Professor Ludwig Marcuses Marginalie wurde nicht gesendet. Gar nicht typisch? Wieder mal eine Ausnahme? Ich wollte, ich könnte das noch glauben. Leo