"Aber nein", sagten Gutgläubige damals, "das war doch eine Kurzschlußreaktion (so nennt man das heute immer) von Szczesny, das wäre doch gar nicht nötig gewesen ..."

Sein ein wenig im Volkshochschul-Stil konzipiertes Hauptprogramm hatte Szczesny angereichert durch freie Diskussionen von der Sorte, die das Beiwort "frei" verdient; und durch eine Art Funk-Kolumne, in der, unter dem Titel "Marginalien", so unbequeme Leute wie Alfred Andersch, Hans Magnus Enzensberger, Walter Jens, Ludwig Marcuse und Hermann Kesten genau das sagten, was sie über manche Zeiterscheinungen dachten.

"Dat der dat daaf?" wunderte sich damals schon mancher in strengem Autoritätsglauben erzogene Bürger. Aber wo von einem "bayerischen Klerikalfaschismus" die Rede war, konnte unsereiner, halb getröstet, auf Szczesny und sein Programm hinweisen: "Das gibt es ja schließlich auch noch."

Gibt es das noch? Szczesny mußte gehen, glaubte gehen zu müssen – ging jedenfalls.

Dann gab es mal wieder eine jener freien Diskussionen. Das Ergebnis entsprach offenbar nicht ganz den Erwartungen der Veranstalter. Die Diskussion, die immerhin ein paar tausend Mark gekostet hatte, wurde nicht gesendet. Das heißt: sie wurde dann doch gesendet, in einer Neufassung, bei der man einen der Teilnehmer ausgeschlossen hatte. So ganz im Stillen und ohne etwas davon zu sagen. Sonst hätte wohl nicht nur der Betroffene protestiert, sondern (da es sich um ehrenwerte Männer handelte, möchte ich das erwarten) auch die anderen Teilnehmer hätten sich geweigert, bei einer Reprise unter solchen Umständen mitzuwirken.

Gar nicht typisch? Ausnahme? Vielleicht. "Vielleicht" dachte auch ich, bis mir bekannt wurde, daß man nicht nur auf Szczesny verzichtet hat, daß nicht nur nach seinem Weggang für den "ordnungsgemäßeren" Ablauf der einst wohl allzu freien Diskussionen gesorgt wurde, sondern daß auch die Marginalien nunmehr offenbar einer strengen Zensur unterworfen werden.

Ludwig Marcuse kommentierte den Brühne-Prozeß. Nachdem er lange genug in einem angelsächsischen Land gelebt hatte, fand er das Urteil empörend. Hierzulande finden wir es eher richtig. Aber kann das denn heißen, daß niemand mehr öffentlich, beispielsweise über einen Rundfunk, sagen darf, er finde es falsch; daß niemandmehr seine wohlüberlegten Gründe für eine verantwortungsbewußte Meinung recht deutlich erläutern darf, und weiche diese Meinung von der Ansicht einer Majorität auch noch so weit ab? Tatsache ist ja doch, daß Frau Brühne nach angelsächsischem Recht, das Zeugenaussagen aus zweiter Hand ("Ferbach hat mir erzählt. ...", "meine Mutter hat mir erzählt...") nicht zuläßt, niemals hätte verurteilt werden können.