Von Otto F. Beer

Die Wiener Festwochen sind in diesem Juni mit ungeahnter Wucht über die Stadt hereingebrochen. Sie werden bis zur völligen Aufreibung sämtlicher Theater-, Musik- und Kunstkritiker durchgekämpft. Das beginnt mit der Wiedereröffnung eines Juwels wie des Theaters an der Wien und reicht bis zum Pawlatschentheater in der Vorstadt; ein rundes Hundert machen allein die ernsthaften großen Konzerte in den traditionellen Musiksälen aus, aber dazu kommen die kleinen „Bezirksveranstaltungen“ an der Peripherie, wo dann etwa auf dem Fiakerplatz die Blaskapelle der städtischen Lohnschlächter von St. Marx konzertiert. Die Staatsoper sonnt sich im Glanz ihres wiedergewonnenen Maestro Karajan. Und die ehrwürdige Gesellschaft der Musikfreunde feiert ihren 150jährigen Bestand und erinnert daran, daß in ihren Mitgliederlisten schlicht und einfach Namen wie Beethoven, Brahms und Bruckner vorkommen, von der zeitnäheren Prominenz ganz zu schweigen.

Keine wahre Festfreude ohne saftige Krise! Egon Hilbert ist nun seit drei Jahren Intendant dieser Wiener Festwochen, und ihr imposantes Breiten- und Tiefenwachstum ist seiner nimmermüden Betriebsamkeit zu verdanken. Dennoch sah es vergangenen Winter so. aus, als würde er ein Amt, das ihm zu sauer geworden war, hinwerfen. Hilbert ist der Mann, der nach dem Krieg als Leiter der Bundestheater die Staatsoper wie auch die Burg aus dem Schutt aufgebaut und in Kürze jenes legendäre Wiener Opernensemble zusammengestellt hat. Aber seine Dynamik rennt immer wieder gegen die obrigkeitlichen Grenzen an, und so kam es zu einem Konflikt mit dem damaligen Unterrichtsminister.

Hilbert ging nach Rom und entfaltete als Leiter des dortigen Kulturinstituts einen die Branchengrenzen weit überschreitenden Glanz. Aber er fühlte sich wie in der Verbannung und kehrte eines Tages sehr gern nach Wien zurück, um die ein wenig eingeschlummerten Festwochen zu neuem Leben zu erwecken. Daß er mit seinem Budget nach Meinung der Stadtväter allzu großzügig umging, führte diesen Winter zu geharnischten Auseinandersetzungen, und seine Demission hing in der Luft. Sie wurde knapp vermieden. Doch gab es einen Nachklang dieses Konflikts, als dieser Tage das Theater an der Wien eröffnet wurde und die öffentlichen Funktionäre in ihren Reden wohl Dank nach allen Seiten hin aussprachen, aber die Nennung des Namens Hilbert geflissentlich vermieden. Das gab einen kleinen Aufstand in der Presse, und selbst Gegner des Intendanten fanden, so ungeniert dürfe man sich fremde Verdienste denn doch nicht anschminken. Vom PEN-Club und dem Staatsopernpersonal angefangen regnete es Dankadressen an Hilbert, und erst als einige Tage später auf einer Pressekonferenz des Kulturstadtrats und Vizebürgermeisters Mandl der offizielle Dank nachgeholt worden war, glätteten sich die hochgehenden Wogen.

Als die Gesellschaft der Musikfreunde dieser Tage in dem goldenen Saal mit der goldenen Akustik ihre 150-Jahrfeier eröffnete, fiel das Wort, in diesem Haus am Karlsplatz sei Österreichs Musikgeschichte geschrieben worden. Nun: dem Theater an der Wien, dessen Eröffnung den Mittelpunkt dieser Festwochen darstellt, darf man mit gleichem Recht nachsagen, hier habe sich Österreichs Theatergeschichte abgespielt. Als Schikaneder das Haus 1801 eröffnete, war „Die Zauberflöte“ eines seiner ersten Paradestücke. Hier wurde der „Fidelio“ ebenso uraufgeführt wie Beethovens zweite, fünfte und sechste Symphonie, das Violinkonzert und etliche seiner Klavierkonzerte. Hier starteten Grillparzers „Ahnfrau“ und Schuberts „Rosamunde“, hier spielte Nestroy jahrelang all seine neuen Stücke, hier ließ Johann Strauß „Die Fledermaus“ und den „Zigeunerbaron“ über die Szene gehen, und die „Silberne Operettenära“ sah alle wichtigen Lehár- und Kálmán-Premieren. Nach. 1945 zog hier die Staatsoper unter Hilbert in ihr Behelfsheim. Als aber deren Haus am Ring wiederhergestellt war, stand das Theater leer, verfiel in erschreckendem Maße und sollte abwechselnd abgerissen, in eine Großgarage und in eine Schraubenfabrik verwandelt werden.

Ohne einen jahrelangen und heftigen Pressekrieg wäre das Fideliohaus gewiß der Spitzhacke verfallen. Erst mit Hilberts Rückkehr nach Wien zeichnete sich eine Rettungschance ab, und nun gab es mit einem Male zwei Käufer: den Staat und die Stadt. Die Gemeinde machte schließlich das Rennen und ließ ihr neues Festwochentheater mit einem Kostenaufwand von 97 Millionen Schilling (rund 15 Millionen DM) aufs glänzendste wiederherstellen. Otto Niedermoser, der subtile Bühnenbildner, dem die Gestaltung anvertraut worden war, entdeckte dabei unter der abblätternden Rotgoldbemalung Überreste einer alten Blauweißtönung, und so gestaltete er das Haus in diesem Farbakkord: als ein biedermeierliches Vorstadttheater von zauberhafter Zartheit und Diskretion.

Fast wäre die Eröffnungsvorstellung der „Zauberflöte“ im letzten Augenblick der Karajankrise zum Opfer gefallen, denn der grollende Maestro war als Dirigent dieser Neuinszenierung vorgesehen gewesen.