Von Harald Jürgenseo

„Wir sind noch einmal davongekommen“, hieß der Leitartikel von Gerd Bucerius in der vorigen ZEIT. Dazu hat uns Professor Dr. Harald Jürgensen (Universität Hamburg) eine Entgegnung zugeleitet. Wir veröffentlichen sie im Interesse einer fairen und sachlichen Diskussion, mit einigen unwesentlichen Kürzungen. Wir verweisen auch auf die Leserzuschriften dieser Ausgabe.

Unter der effektvollen Überschrift: „Wir sind noch einmal davongekommen“ holt Gerd Bucerias in der ZEIT vom 8. Juni zu einer umfassend angelegten Erklärung der turbulenten Ereignisse an der Börse vom 29. Mai dieses Jahres aus. Bucerius schiebt die außergewöhnliche Angebots-Nachfragesituation des „schwarzen Dienstag“ souverän als „technische Gründe“ beiseite; es geht ihm nicht um Symptome, sondern um die Ursachen. Eben diese Ursachen aber sind nach Bucerius langfristiger Natur, nämlich vor allem Maßlosigkeit in Lohn- und Preisforderungen, Arbeitskräftemangel und verlorene Wettbewerbsfähigkeit auf den Weltmärkten. Damit wäre der Börsenkrach seit langem vorhersehbar, seine Ursachen gleichsam latent vorhanden gewesen. „Hundert Jahre“, schreibt Bucerius, „haben uns Fleiß und Sparsamkeit aus allen Miseren herausgerissen. Das Deutschland von 1962 aber? Nicht die Börse hatte einen Schwächeanfall, sondern eine Epoche ging zu Ende. Eine Epoche, in der wir maßzuhalten wußten.“

Hiergegen läßt sich einiges vorbringen. Abgesehen davon, daß doch wohl nicht die ganzen letzten 100 Jahre vom Maßhalten geprägt waren – es gibt da so einige Hochkonjunkturen, von 1904 bis 1912 beispielsweise, in welchem Zeitraum die Löhne und Preise um 26 bzw. 26,3 % stiegen, außerdem die Aufrüstung von 1936–1939. Warum war das Maßhalten justament erst 1962 zu Ende und nicht 1959, als die Periode der Hochkonjunktur begann? Lohnerhöhungen, die die Produktivitätszuwüchse übersteigen, Preiserhöhungen, die die des Auslandes übertreffen, starke Erhöhungen der Regierungsausgaben, dies alles haben wir doch schon seit 1959, und wenn schon eine Epoche zu Ende ging, dann doch wohl damals. Oder sollte Gerd Bucerius den Gedanken vom Ende einer politischen Epoche auch zeitparallel auf die Wirtschaft übertragen wollen?

Wie dem auch sei, solche Vergleiche sind meistens schief. Schief wirkt auch das Bild des Herzinfarkts, mit dem Bucerius den Börsenkrach gleichsetzt. Demnach wäre die westdeutsche Wirtschaft der Mensch, der einen ersten Herzinfarkt überlebt hat. Dazu Bucerius: „Das kann man überleben, aber man muß sein Leben ändern. Sonst droht der zweite – oft letzte – Schlaganfall.“

Sehen wir uns daraufhin den Patienten einmal an. Die Höhe des Volkseinkommens wird bestimmt durch Konsum- und Investitionsausgaben sowie durch die Entwicklung von Export und Import. Der private Konsum nimmt unvermindert zu. Hinter dem Verbrauchsboom steht als treibende Kraft eine anhaltend starke Zunahme der Löhne und Gehälter. Auch der staatliche Konsum läßt sich nicht eben lumpen. Ein Blick auf die Haushaltsvorschläge – und die Kassen – der Gebietskörperschaften zeigt, daß sich die öffentliche Hand anschickt, ihre Ausgaben 1962 in besonders starkem Maße zu erhöhen. Deshalb kommt auch der Baumarkt nicht zur Ruhe. Auch die privaten Investitionsausgaben nehmen noch immer beträchtlich zu. Ihr Wachstum hat sich verlangsamt, gewiß, aber es hat ja schließlich 1960 einen Investitionsgüterboom gegeben, der den Zuwachs einiger Jahre vorweggenommen hat. Die Wirtschaft paßt sich an! Der Lagerzyklus ist am unteren Tiefpunkt angelangt. Gedämpft wird die Konjunktur vor allem durch verstärkte Importe bei gleichzeitig gedrosseltem Anstieg des Exports.

Aber zeigt nicht gerade der Anstieg der Importe bei vollbeschäftigter Wirtschaft, daß nicht die Nachfrage, sondern das Angebot Grenzen gesetzt hat? Wo liegen da die organischen Fehler die der „Schlaganfall“ voraussetzt, wo die Voraussetzungen, ohne die auch eine Krise nicht einbrechen kann; Ja, 1929 in den USA, da allerdings war der Börsenkrach einem Schlaganfall wohl vergleichbar: Symptom einer spekulativ übersteigerten Konjunktur. Die Börse hatte sich damals völlig von den Realitäten gelöst.