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Im Kunsthandel herrscht Hochkonjunktur wie in der Rüstungsindustrie, vielleicht aus demselben Grunde, Walter Muschg

Literarische Greuelmärchen

Die führende tschechische "Literatur-Zeitung" (Literární noviny) weiß zu berichten: "Die Verleihung des Internationalen Verlegerpreises von 10 000 Dollar an den völlig unbekannten westdeutschen Romanschriftsteller Uwe Johnson hat Empörung hervorgerufen, da sich herausgestellt hat, daß Johnson den Preis auf Grund politischen Druckes erhielt."– Sollte da Herr von Brentano seine Hände im Spiel gehabt haben? – (Deutlicher, für tschechische ZEIT-Leser: Wo von "politischem Druck" überhaupt die Rede sein könnte, war er unseren Erinnerungen nach immer gegen Johnson gerichtet!)

Verkehrsdisziplin aus Angst?

Der Heidelberger Strafrechtler Bockelmann setzte sich vor den Teilnehmern einer "Universitätswoche für Rechtsanwälte" für rigorose Polizeimaßnahmen gegen Autofahrer ein und plädierte für "getarnte" Polizeikontrollen. Er propagiert damit offenbar Orwells Staat von 1984, in dem jeder Staatsbürger zur Ordnung gerufen wird durch das Gefühl dauernder Kontrolle: Big Brother is watching.

Nabokov Nummer 13

Entgegen allen amerikanischen Gepflogenheiten bis zuletzt vor der Kritik geheimgehalten, erschien bei Putnam in New York ein neuer Roman von Vladimir Nabokov, der erste seit "Lolita" und "Pnin", der fünfte in englischer Sprache, der dreizehnte alles in allem. Er trägt den Titel "Pale Fire" und besteht aus einer Elegie von tausend Versen und ihrer zwar gelehrten, aber nach und nach auf phantastische Abwege geratenen Interpretation durch einen Mann, der der exilierte König eines nordischen Sagenreiches sein will. Die ersten Kritiker, wiewohl voller Lobs für Nabokovs einfallsreiche Sprache, zeigten sich perplex. Vielleicht, vermutete einer, sei das ganze überhaupt nur eine Falle – für Kritiker und ihresgleichen.

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Korrigierte Märchen

Christian Pineau, französischer Arbeits-, Finanz- und Außenminister a. D., veröffentlichte – nicht Seine Memoiren, sondern sein siebtes Kinderbuch "La Marelle et le Ballon". Als Großvater von neun Enkelkindern hat er die kindliche Psyche gut studiert. Seiner Meinung nach sind die traditionellen Märchen zu grausam – weshalb in seiner Version von "Rotkäppchen" auch am Ende die Großmutter den Wolf verspeist. Wenn sich da nur nicht der Tierschutzverein einschaltet.

Internationale Filmregisseure

In diesem und im kommenden Jahr werden zumindest drei renommierte ausländische Filmregisseure an deutschen Bühnen arbeiten. Ingmar Bergman inszeniert im nächsten Jahr an der Hamburgischen Staatsoper Mozarts "Zauberflöte"; die Premiere soll Anfang Dezember 1963 stattfinden. – Roberto Rosselini führt Regie bei der deutschen Erstaufführung der Oper seines Bruders, Renzo Rosselini, "Blick von der Brücke", an den Frankfurter Städtischen Bühnen. – Schließlich drehte Vittorio de Sica im Heidelberger Stadttheater eine Szene aus der Neuinszenierung von Brecht/Weills "Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny" für seinen zur Zeit in Hamburg entstehenden Film "Die Eingeschlossenen".

Joyce-Museum

Sylvia Beach, die 1922 in Paris eigens einen Verlag gründete (Shakespeare & Co.), um den "Ulysses" von James Joyce herauszugeben, eröffnete kürzlich an der irischen Küste in Sandycove ein James-Joyce-Gedächtnis-Museum. Sie kam in Begleitung von sechzig Joyce-Verehrern aus den USA und hißte auf dem Martello-Turm, in dem das Museum untergebracht ist, die im Roman vorkommende Flagge, drei Kronen auf blauem Grund. Dem Dichter wird damit eine späte Genugtuung zuteil: aus dem pittoresken Martello-Turm, in dem er sich 1904 als (zahlungsunfähiger) Untermieter einquartiert hatte, wurde er nach wenigen. Monaten unsanft herauskomplimentiert.

Doctores honoris causa

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Max Frisch wird am 23. Juni von der Marburger Philipps-Universität um seines Eintretens für Toleranz und Gerechtigkeit willen den philosophischen Ehrendoktortitel erhalten. Graham Greene wurde letzte Woche Ehrendoktor für Literatur der Universität Cambridge, desgleichen die Primaballerina Margot Fonteyn. Schließlich hat das Bostoner College den Schauspieler Sir Alec Guinea mit der Würde eines Ehrendoktors der Philosophie ausgestattet.

Alfred Cortot

Am 15. Juni starb in Lausanne der Pianist Alfred Cortot. Er galt als einer der größten Interpreten romantischer Musik, der besonders in Frankreich Schubert, Schumann, Brahms und Wagner (er betätigte sich auch als Dirigent) zum Durchbruch verhalf. Zusammen mit dem Cellisten Pablo Casals und dem Geiger Jacques Thibaud bildete er ein weltberühmtes Trio.

Beifall für die Mauer

Ein Ostberliner Arbeitertheater führte während der "Arbeiterfestspiele" der DDR in Erfurt "Fünf Geschichten vom Dreizehnten" erstmals auf. Der "Dreizehnte" ist der 13. August 1961, die Fünf Geschichten sind Teil einer Szenenfolge über die Mauer in Berlin, die Helmut Baierl (Autor der "Frau Flinz"), Erwin Burkert und Herbert Fischer (vom "Berliner Ensemble") schrieben. Die amtliche Nachrichtenagentur ADN meldete, die Uraufführung sei mit "stürmischem Aoplaus" aufgenommen worden. Nun ja, diese Art von Applaus kennen wir.