Der technische Fortschritt wird vom Kapital getragen – Die Gewerkschaften müssen sich neu orientieren

Von Hermann Riedle

In Nr. 24 der ZEIT haben wir unter dem Titel „Die Arbeit kommt nicht zu kurz“ am Beispiel des Volkswagenwerkes gezeigt, wie sich Produktivität und Löhne entwickelten. Die in statistischen Vergleichen häufig verwendeten Durchschnittszahlen haben sich dabei als wenig aussagekräftig erwiesen; aufschlußreicher sind die Zuwachsraten, welche die Veränderungen von Jahr zu Jahr deutlich werden lassen. Unsere Analyse ergab, daß die Lohnentwicklung ab 1960 kritisch zu bewerten ist und durch die Ertragslage nicht mehr gerechtfertigt wird. Im heutigen Beitrag wollen wir die Rolle des Kapitals in der Produktivitätsentwicklung untersuchen.

Die Leistungskraft eines Unternehmens darf nicht nur von der Arbeit her gesehen werden. Man mag zwar zugeben, daß die einzelne Arbeitskraft in einem Betrieb von Jahr zu Jahr ihre persönliche Leistung zu steigern vermag: sie erhält nämlich die nötige Routine in der Erledigung manueller und geistiger Aufgaben, sie erweitert ihre Fähigkeiten und ihre Erfahrung, sie fügt sich in den kooperativen betrieblichen Arbeitsablauf immer besser ein. Und doch darf man dieser „menschlichen Komponente“ bei der Leistungssteigerung eines Betriebes nicht allzuviel Gewicht zuschreiben. Es ist überwiegend der technische Fortschritt, der zu höherer Produktivität der Arbeit führt – und dies bedeutet wirtschaftlich betrachtet: Einsatz neuer Maschinen, Apparate und Einrichtungen, Rationalisierung und Automatisierung der Herstellung – also kapitalintensivere Produktion.

Noch einmal: VW-Zahlen

Auch beim Volkswagenwerk sind während der letzten Jahre große Verbesserungen in der technischen Ausrüstung vorgenommen worden. Seit 1954 hat die VW-Leitung mehr als 2,4 Mrd. DM in das Unternehmen investiert und damit den Arbeitern und Angestellten ein immer leistungsfähigeres „Werkzeug“ in die Hand gegeben. Die Produktivität des Arbeiters wurde um 45 % gesteigert; sie ist – und das dürfte für jeden Werktätigen eine Binsenwahrheit sein – jedoch abhängig von der Güte und Ausrüstung seines Arbeitsplatzes, von den Anlagen und Maschinen, über die er gebieten kann.

Wie sollte man also über die Produktivität ein Urteil fällen können, ohne an die verbesserten Betriebseinrichtungen, an die Investitionen also, zu denken? Unsere Graphik 1 versucht diese Entwicklung zu veranschaulichen. Da zeigt die obere Kurve den Aufwand an Kapital pro eingesetzte Arbeitskraft. Während 1954 im VW-Werk der Durchschnittslohn eines Beschäftigten noch sein Äquivalent im Kapitaleinsatz fand (5780 DM Lohn und 5900 DM Investitionen pro Arbeitsplatz), vervierfachte sich der Investitionsbetrag in acht Jahren und macht heute das Zweieinhalbfache des Durchschnittsgehalts einer Arbeitskraft aus. Bedarf es noch eines deutlicheren Beweises, um die eigentliche Ursache für den Produktivitätsgewinn in diesem Automobilwerk aufzudecken?