Der Trend ist nicht ganz neu. Bei den letzten großen Londoner Auktionen wurden für Gemälde Preise bezahlt, die man vor drei oder vier Jahren noch in das Reich der Phantasie verwiesen haben würde. Nebenbei erwähnt: Auch die zunehmenden Diebstähle von wertvollen Bildern aus bekannten Galerien deuten darauf hin, daß die Tendenz, „Substanzwerte“ zu erwerben, nicht auf die offiziellen Interessenten begrenzt ist, sondern von der Ober- auf die Unterwelt übergegriffen hat.

Es ist seit einigen Wochen eine regelrechte Hausse in Kunstgegenständen, namentlich Antiquitäten, im Gange. Ist es Zufall, daß sie mit der Baisse auf den internationalen Aktienmärkten zusammenfällt? Ist es Zufall, daß sich hinter den Käufern kostbarer Stücke bekannte Finanziers in erster Reihe aus den Vereinigten Staaten, aber dann auch aus europäischen Finanzzentren verbergen, über die auch die erforderlichen Devisentransaktionen abgewickelt werden. Unkontrollierbare Gerüchte wissen zu erzählen, daß an einigen Tagen größere Dollarschwäche mit größeren Transfers von Dollars für Ankäufe von Gemälden und Antiquitäten in Europa einherging. Man registriert diese Gerüchte mit aller wünschenswerten Reserve, aber sie sind in London, Zürich und Paris im Umlauf. Der Zuzug zu den Auktionen kommt vielleicht auch aus den Reihen jener Enttäuschten, die eine Goldpreiserhöhung in allernächster Zeit prophezeit haben und jetzt den energischen Widerstand der Amerikaner zur Kenntnis nehmen müssen.

In London ist dieser Tage die Jahresmesse der Antiquitätenhändler eröffnet worden. Etwa 80 Firmen repräsentieren mit ihrer Ware Millionenwerte. Im neuen „Internationalen Jahrbuch“ der Sammler heißt es da: „In einer Zeit, in der Großbritannien ernste wirtschaftliche Rückschläge erleidet und viele große Gesellschaften niedrigere Gewinne aufweisen, ist der Umsatz in Antiquitäten und Kunstgegenständen überhaupt auf eine bisher unerreichte Höhe angewachsen. Der Grund liegt darin, daß vernünftige Leute schließlich die Erfahrung gemacht haben, daß die Werke großer Künstler und Handwerker eine Aufwertung zeigen, die der ständigen, durch Inflation bewirkten Geldentwertung entgegengesetzt ist.“

Die Händler führen für diese Auffassung zahlenmäßige Beweise an. Ein antiker Schreibtisch ging für 35 700 £ ab. Ein Paar Bronzen, die im Jahre 1952 bei Sotheby’s zu 22 £ auktioniert wurden, kamen in den letzten Tagen zur Wiederversteigerung auf den Markt und erreichten 1100 £. Selbstverständlich spielt auch – wie auf allen Märkten – Materialmangel in guter Ware eine Rolle. Kitsch macht die Bewegung nicht mit. Qualität ist wichtig. Eine Teekanne (Chelsea) aus dem Jahre 1745 stellte sich während einer Kriegsauktion auf 17 £. Die neuen Besitzer warteten bis Mai 1962 mit dem Verkauf, der 1150 £ einbrachte.

Die Folge ist auch, daß die Zahl der Antiquitätenhändler in aller Welt im Zunehmen begriffen ist, was nicht notwendigerweise mit einer Zunahme an Solidität gleichbedeutend sein muß. Der Vorsitzende des Vorstands der Londoner Handelsmesse, John Abbey, meint, daß zehn Jahre notwendig sind, bevor sich ein Händler als im Markte „etabliert“ bezeichnen kann. Meist ist – auch aus finanziellen Gründen – eine Spezialisierung des Geschäftes für bestimmte Gattungen von Antiquitäten notwendig, um Vertrauen bei Sammlern und Interessenten überhaupt zu gewinnen. Die derzeitige Hausse schließt – so warnen die seriösen Händler – ebensowenig zeitweise Rückschläge aus wie die Aktienmärkte. Sie pflegten „zyklisch“ einzutreten, entweder wenn Investoren in Aktien ihre effektiven (nicht ihre Papier-) Gewinne in Antiquitäten und Bildern anzulegen beginnen oder aber– wie gegenwärtig – des in Aussicht gestellten, aber vorläufig zumindest aufgeschobenen Wachstums der „Wachstumswerte“ überdrüssig werden, diese realisieren und den Erlös in dem Markt der Antiquitäten als Sammler dauernd oder als Spekulanten vorübergehend anlegen.

F. J. Weale