anderthalb Jahren hat John F. Kennedy einen * neuen Klang in das weltpolitische Orchester gebracht Adenauers verschmitzte Hausbackenheit, Eisenhowers unbeholfene Wendungen, Macmillans erstarrte Klischees, Chruschtschows erdhafte Ausdrucksweise, de Gaulles memorierte, marmorierte Beschwörungen – sie alle werden übertönt von der Frische seiner Rede, von der Unverbrauchtheit, Klarheit und Direktheit seiner Sprache. Sie hat Glanz; sie rüttelt auf; sie reißt mit. Dabei versimpelt sie nicht, sondern setzt die Dinge auseinander; vertuscht nicht, sondern erhellt; pontifiziert nicht, sondern wirbt Verständnis. Und mag auch mitunter ein guter ghostwriter-Schuß Ted Sorensens darin stecken, ihr Stil bleibt im letzten doch stets der Stil Kennedys

An den Reden und Äußerungen des Präsidenten in seinem ersten Amtsjahr wird das ungemein deutlich. Sie liegen jetzt in einer Auswahl des Amerikaners John W. Gardener auf Deutsch vor –

John F. Kennedy: „Dämme gegen die Flut“, aus dem Amerikanischen on Karl Mönch; Econ-Verlag, Düsseldorf; 512 S., 18,– DM.

Nicht nur der Stil des Staatsmann Kennedy wird freilich in diesen Dokumenten sichtbar, sondern auch die Substanz der politischen Probleme, mit denen er sich – wie wir alle – im vergangenen Jahr herumschlagen mußte: Berlin und Laos, Abrüstung und Verteidigungsanstrengungen, Sozialpolitik und Wirtschaftssorgen.

Über die Auswahl läßt sich streiten. Manche wichtige Rede fehlt ganz; eine Reihe der behandelten Probleme interessiert einen amerikanischen Leserkreis gewiß weit mehr als einen deutschen; manches ist zu situationsgebunden und daher schon wieder veraltet. Ein bißchen riecht der Band zudem nach Hofberichterstattung und Wahlkampfbroschüre. Auch Kennedy spricht schließlich bei Pressekonferenzen nicht nur druckreife Sätze. Und von der Wirkung all der Worte vernimmt man wenig. Aber dieser Mangel haftet nun einmal allen Sammlungen solcher Art an.

Der Präsident ist zum Glück . mehr Politiker denn Rhetoriker. Im Vorwort, das er selber beigesteuert hat, merkt er nüchtern an: „Starke Worte allein machen natürlich noch keine sinnvolle Politik. Zumal in außenpolitischen Angelegenheiten muß zweierlei hinter ihnen stehen: ein starker Wille und ebenso starke Waffen.“

Starker Wille und starke Waffen – Worte sind dafür kein Ersatz. Aber auch Worte können Waffen sein. Churchill wußte sie so zu gebrauchen, und Kennedy versteht sich gleichfalls darauf. „Worte können“, so sagt er, „eine Gesinnung, eine Haltung, eine Atmosphäre vermitteln und schaffen – oder ein Erwachen herbeiführen.“ Hier denkt er, der liberale Amerikaner, ähnlich wie der konservative Metternich, der 1808 einmal schrieb: „Die öffentliche Meinung ist eine der stärksten Waffen ... Die Nachwelt wird kaum glauben, daß wir Schweigen in diesem Jahrhundert der Worte für eine wirkungsvolle Waffe hielten ...“ Theo Sommer