Von Horst S. Vetten

Wer in Berlin etwas ist oder glaubt, etwas zu sein, war am vergangenen Samstagabend im Olympiastadion, um dem Halbschwergewichtsweltmeister Harold Johnson (USA) und seinem deutschen Herausforderer Gustav Scholz zu huldigen. Das war wie im Berlin alter Jahre: diese merkwürdig gemischte Atmosphäre aus Knickerbocker und Abendkleid, in der die Filmstars sich so gern auf Photographengeheiß warmer Bockwürstchen bemächtigen, Pappbecher schwenken und ganz volkstümlich tun.

Da saßen sie – die Experten, vor sich Papierstöße mit Punktwertungen, und da saßen auch jene, denen es Mühe bereitet, einen Boxkampf von einer Catcherei zu unterscheiden. Sie alle gaben diesem Weltmeisterschaftskampf den Rahmen, den er braucht: diese hochgepäppelte, fiebernde Spannung einer Sensation aus der Reklameretorte.

Hat es denn das auch schon einmal gegeben: ein Weltmeister verteidigt seinen Titel freiwillig in Deutschland? Noch nie! Oder: 50 000 Dollar Börse für einen amerikanischen Halbschwergewichtler in einem deutschen Ring? Nie zuvor! Schließlich: ein deutscher Manager riskiert eine halbe Million Mark für ein Geschäft, von dem er bis zum letzten Tag nicht weiß, ob es nicht doch noch platzen wird? Niemals! Also: eine Sensation war es schon.

Und dann die Hauptdarsteller der großen Schau: sie waren schon eine Reise nach Berlin wert – der eine, weil man so gut wie nichts von ihm wußte, der andere, weil man so viel von ihm weiß.

Harold Johnson, wer das schon? Gustav Scholz selbst, wußte so wenig von ihm, daß er die Filmkamera einpackte und nach Amerika flog, um seinen Gegner auf Zelluloid gebannt mit ins heimische Atelier zu bringen. Dort beguckte er ihn so lange, bis er mehr von ihm wußte, als ihm zu wissen lieb sein mochte; jedenfalls verzichtete Gustav Scholz fortan auf sein im Filmgeschäft erprobtes Keep-Smiling und ging brummigen Angesichter einher. Das war so erregend geheimnisvoll, daß es seine Wirkung nicht verfehlte. Scholz mag getrost die Reisespesen für seinen Amerikatrip unter der Rubrik Werbungskosten abschreiben, reellere Werbungskosten gibt es gar nicht.

Und schließlich Gustav Scholz selbst: Scholz zieht immer, vor allem in Berlin. Hat er nicht gesungen, getanzt, gefilmt, hat er nicht von Millionen Bildschirmen gelächelt? So etwas zahlt sich aus. Schließlich ist Gustav Scholz nicht der Kerl, der etwas vergebens tut, geschweige denn umsonst. Mithin: der Fernseh-Film-Box-Scholz gegen den ach so unbekannten Johnson im Ring, dazu noch in einem Kampf um die Weltmeisterschaft – wenn das kein Geschäft wird. Immer vorausgesetzt natürlich, daß er kommt.