G. H. Bonn

Im Dienstzimmer des Bonner Universitätsprofessors Viktor Burr steht eine pompöse Blattpflanze, das Geschenk zweier Amerikanerinnen „als Dank für die hervorragende bibliothekarische Betreuung“. Professor Burr ist Direktor der modernsten Universitätsbibliothek Europas, die Kultusminister Schütz der Universität kürzlich übergeben hat. Und Professor Burr kann gelassen den Bericht der Humboldt-Stiftung studieren, das Klagelied der ausländischen Studenten über die deutschen Bibliotheken. Zu kurze Öffnungszeiten der Lesesäle und Katalogräume, Zeitverlust durch den schleppenden Gang der Ausleiheverfahren und handgeschriebene Katalogkarten, die in gotischer Schrift geschrieben dem Ausländerauge unverständlich bleiben – dies sind einige der Mißstände, die die Ausländer in ihren Berichten an die Humboldtstiftung aufzählten. Es fehlt auch nicht der Satz: „Wenn man erst einmal zur UB muß, ist das schon Kappes!“ Und ein koreanischer Student aus Münster meinte lakonisch, ehe er zur Bibliothek gehe, kaufe er sich die Bücher lieber selbst.

Daß solche Kritik nicht unbegründet ist, wissen die Bibliothekare zur genüge. „Aber“, so meinte Professor Burr, „es scheint ein Zeichen der Zeit zu sein: die Studenten wollen auf den Knopf drücken und dann sollen die Bücher schon vor ihnen liegen.“ In Bonn jedenfalls wird jetzt auf den Knopf gedrückt.

Der mit der Signatur des Buches versehene Ausleiheschein wird mit der Rohrpost in eine der drei Magazin-Etagen geschossen. Das Buch wird herausgesucht, auf ein Förderband gelegt und wandert, zwischen zwei Gummibändern eingeklemmt, zum Ausleiheschalter. Das dauert gewöhnlich zwischen fünf und zehn Minuten – wenn alles klappt und wenn das Buch da ist. Die Erfahrung des letzten Jahres – seit Oktober 1960 ist die UB schon in Betrieb – zeigt, daß durchschnittlich jedes dritte Buch entliehen ist. Im vergangenen Jahr wurden immerhin mehr als 127 000 Leihscheine bearbeitet.

Zusätzliche Arbeit entsteht, weil die Signatur vieler Bücher im Katalog nicht angegeben ist – eine Nachkriegserscheinung, zu deren Behebung mehr Personal nötig wäre. Und Personal fehlt. In der ganzen Bundesrepublik fehlen rund 200 Diplombibliothekare (Anfangsgehalt DM 470,–netto). Kein Wunder, daß sich Professor Burr fragt, was ihm die ganze Technik nützen soll, wenn die Menschen fehlen, die sie bedienen.

Die Bibliothek enthält heute 750 000 Bände. Jedes der drei Magazine aber faßt rund 500 000 Bücher. Noch 40 Jahre, so schätzt man, kann die Bibliothek neue Werke sammeln, ohne daß sie in Raumschwierigkeiten gerät. Und noch etwas ist erstaunlich daran. Auf 7,2 Millionen DM hatten die Architekten Bornemann (Berlin) und Vago (Paris) das Projekt veranschlagt. Und dieser Voranschlag wurde nicht nur eingehalten; es blieben 200 000 Mark übrig. Wo hat man so etwas schon einmal gehört...