Paris, Ende Juni

Als Abderrahmane Farès seine Pariser Gefängniszelle mit seinem Arbeitszimmer in Rocher-Noir vertauschte, um als Präsident der Provisorischen Exekutive von Algerien zu wirken, stand sein Entschluß fest: Er wollte der Mann der Versöhnung sein. Er wollte mit den Algeriern europäischer Herkunft unbedingt ins Einvernehmen kommen – selbst, wenn es nötig wäre, „mit dem Teufel selbst zu verhandeln“, wie er sich ausdrückte. Doch Farès mußte sich bis Mitte Mai gedulden, ehe Beelzebub bereit war, am grünen Tisch Platz zu nehmen. Er erschien in der jugendlichen Gestalt des OAS-Führers Jean-Jacques Susini.

Am 17. Juni erreichte Susini, als Vertreter des zivilen Flügels der OAS und als Sprecher der „Pieds-Noirs“, tatsächlich Vereinbarungen mit dem FLN, und dies war die Krönung einer kurzen, aber raschen und bewegten Karriere, deren Stationen mit den stürmischen Wendepunkten der neueren algerischen Geschichte zusammenfallen.

Korsisches Blut rollt in seinen Adern. Großvater Susini, der unter dem Vichy-Regime der Legion angehört hatte, bemühte sich redlich, dem Enkel schon in zarter Kindheit den Geist patriotischer Ergriffenheit einzuflößen. Vater Susini dagegen, der sich vom Vichy-Regime verfolgt sah, weil er Sympathien für de Gaulle zeigte, steht als militanter Gewerkschaftler der Sozialistischen Einheitspartei (PSU) nahe. Er hat denn auch eine Lösung des Algerienproblems durch Verhandlungen mit dem FLN begrüßt.

1951 war Jean-Jacques Cuini mit 16 Jahren bereits Mitglied der gaullistischen „Sammlung des französischen Volkes“ (RPF) in Algier. Er wandte sich jedoch rasch von de Gaulle ab und gehörte 1957 als Medizinstudent in Lion einer paramilitärischen Untergrundorganisation an, deren Waffenlager er verwaltet. Der 13. Mai traf ihn in Saint Etienne, wo er unter General Chassin an einem lokalen Putschversuch beteiligt war. Bald kehrte er dann nach Algier zurück, wo er in den Aktivisten Ortiz und Dr. Lefèvre gleichgesinnte Seelen fand. Als Nachfolger von Lagaillarde wurde er Präsident der Studentenverbindung, gründete eine nationalistische Studentenbewegung und assistierte Ortiz bei der Gründung der Nationalen Französischen Front (FNF), einer direkten Vorläuferin der OAS. Dabei erlag er vor allem dem Einfluß von Ortiz, mit dem er auch in den Barrikadenputsch vom 24. Januar 1960 verwickelt wurde, obwohl er die Manifestation mißbilligte. Im nachfolgenden Prozeß war er der einzige Angeklagte, der sich nicht über das Gericht lustig macht, sondern die Gelegenheit ergriff, der Öffentlichkeit seine politische „Philosophie“ darzulegen: „Es gibt in der Gegenwart zwei tragende politische Ideen“, dozierte er vor dem ahnungsvoll erschauernden Gericht, „den Nationalismus und den Sozialismus.“ Auf der Suche nach einer Synthese der beiden Kräfte kam Susini denn auch ganz logisch dahin, daß er den Nationalsozialismus wiederentdeckte. Den Urteilsspruch – er wurde bei mildernden Umständen zu zwei Jahren Gefängnis mit Bewährung verurteilt – wartete er ebensowenig wie Ortiz und Lagaillarde ab, sondern flüchtete nach Spanien, wo sich die Hefe der künftigen OAS traf.

In Madrid wurde Susini rasch ein Vertrauensmann von Salan und im Laufe der Ereignisse sogar sein „Chefideologe“. Er nahm teil am Offiziersputsch vom 22. April und wurde nach dessen Scheitern von Salan in einer Instruktion vom 2. September 1961 zum verantwortlichen OAS-Führer der Abteilung „Politik und psychologische Aktion“ gemacht. Doch wurde der wachsende Einfluß des jungen Theoretikers und Zivilisten – auch auf die Mörder-Kommandos der OAS – in Kreisen der Ex-Offiziere keineswegs gern gesehen, denn seine politischen Ambitionen reflektierten nicht wie jene der Militärs auf das französische Mutterland, das er für „verfault“ hält, sondern allein auf Algerien. Er vertrat den Gesichtspunkt des kleinen Pied-Noir, der sich Arbeit und Heimat bewahren möchte. Und so geschah es, daß Susini es heute für seinen eigentlichen revolutionären Auftrag hält, dieser Bevölkerungsgruppe im zukünftigen Algerien eine politische Beteiligung zu erkämpfen. Seine geistige Beweglichkeit kommt ihm bei der Analyse der stets im Fluß befindlichen Lage Algeriens sehr zustatten, so daß er dem militärischen Flügel der OAS meist um eine Phase voraus ist.

So ist es nicht weiter erstaunlich, daß Susini, nachdem Salan gefangen worden war, als erster der OAS-Führer die gemeinsamen Interessen der Muselmanen und der Pieds-Noirs in Algerien entdeckte. Denn viele Algerier europäischer Herkunft haben in den letzten Jahren eine Abneigung gegen die Franzosen im Mutterland entwickelt, die ihre Antipathie gegenüber den Algeriern arabischer Abstammung noch bei weitem übertrifft. Sie haben deshalb ein Interesse daran, eine Versöhnung einzuleiten und nicht – wie dies die OAS in Oran heute tut – sich selber durch die Taktik der „verbrannten Erde“ in die Luft zu sprengen. Ein totaler Exodus der europäischen Minorität müßte ferner nicht nur die Entwicklung der algerischen Wirtschaft schwer behindern, sondern könnte außerdem zu einer kommunistisch gesteuerten Radikalisierung der nationalistischen Rebellion führen, die nicht in der Absieht ihrer gemäßigten Elemente läge.