Seit fast einem Jahr rebellieren die Kurden im Irak. Die Regierung in Bagdad hat mit allen Mitteln versucht, den Aufstand niederzuschlagen. Hunderte von Dörfern wurden dem Erdboden gleichgemacht, aber es gelang General Kassem nicht, den Funken der Rebellion auszutreten. Dabei hatte Kassem, der jetzt Panzer und Flugzeuge gegen die Rebellen einsetzt, bei seiner Machtübernahme im Jahre 1958 die Kurden hofiert und ihnen weitgehende Rechte zugesichert; aber je länger er im Sattel saß, um so mehr beschränkte er ihre Rechte.

Das mag der unmittelbare Anlaß für den Aufstand gewesen sein, die Unzufriedenheit der Kurden freilich ist schon älteren Datums. Sie geht zurück bis auf den Friedensvertrag von Sèvres, in dem den Kurden das Selbstbestimmungsrecht zugestanden worden war. Dieser Teil des Vertrages wurde indes nie verwirklicht. Die Kurden mußten erleben, daß sie auf vier Länder verteilt wurden: auf die Türkei und Persien und die beiden neuentstandenen arabischen Staaten, Irak und Syrien. Und selbst wenn es nun Mulla Mustafa Barzani, dem Rebellenführer, gelingen sollte, für die eine Million irakischer Kurden die Autonomie zu erobern, so wäre damit die nationale Bewegung noch nicht am Ende. Ihr Ziel ist ein unabhängiges Kurdistan, in dem alle Kurden – fünf Millionen – vereinigt sind.

Auf den ersten Blick sieht es so aus, als ob der Aufstand im Irak eine Stammesrevolte nach traditionellem Muster wäre. Doch über dieses Stadium ist die Nationalistenbewegung längst hinausgewachsen. Zwar ist die Stammesloyalität noch immer das einigende Band für die Mehrheit der Kurden, die fast unberührt von modernen Einflüssen auf ihren Dörfern lebt, aber es wächst doch daneben eine neue Schicht heran, deren Horizont nicht durch die Stammeszugehörigkeit beschränkt ist, die sich moderne Bildung erworben hat und die immer mehr Macht und Einfluß gewinnt. Auf diese Schicht übt die kurdische Demokratische Partei, die einen militanten Nationalismus mit marxistischen Ideen verbindet, eine starke Anziehungskraft aus. Und als Präsident dieser Partei ist Mustafa Barzani die Speerspitze für die Aktionen der Stammesfürsten und der neuea Intelligenz.

Ist Barzani ein Bundesgenosse der Sowjets? Immerhin hat der Kurdenführer 12 Jahre lang im russischen Exil gelebt, ehe ihn Kassem zurückrief. Aber diese 12 Jahre haben nicht genügt, um Barzani in den Augen der Sowjets vertrauenswürdig zu machen. Er operiert im Irak ohne die Hilfe der Sowjets. Zwar arbeiten auch die Kommunisten in Bagdad gegen General Kassem, die kurdischen Autonomiebestrebungen aber lassen die Sowjets kalt – aus einem ganz einfachen Grund: Die Araber sind für die Sowjets wichtiger als die Kurden, und die Araber insgesamt (nicht nur Kassem) haben für die kurdische Autonomie nichts übrig.

Barzani hat mit seinen Rebellen einen langen harten Winter überstanden. Offenbar können sich Barzanis Rebellen in der unwegsamen Landschaft Kurdistans noch jahrelang gegen die Truppen der Regierung halten. Und fast scheint es so, als ob die Kurden einen längeren Atem hätten als General Kassem, dessen brutaler, aber erfolgloser Feldzug gegen die Rebellen von seinen Feinden in Bagdad politisch und propagandistisch ausgenutzt wird.

D. R.