Nicht so sehr im Bereich der Wissenschaft. Sie hat bei uns, aus welchen Gründen auch immer, eine Art von wildem Zorn auf die Praxis. Wer bei uns Volkswirtschaft, Betriebswirtschaft oder Soziologie studierte, um später mit seiner Wissenschaft sich in der wirtschaftlichen Praxis zurechtzufinden, der wird in nicht wenigen Fällen entdeckt haben, daß er nicht sehr gut gerüstet war. Daran hat sich bis heute, wie ich sehe, nicht viel geändert.

Nun kann die Wissenschaft freilich sagen, sie sei für Forschung und Lehre zuständig, nicht für die Praxis. Selbst wenn man dem zustimmen will, so bleibt die Frage, wie die Wissenschaft sich auf ihre Weise mit dem Problem industrieller Führung auseinandersetzen will, wenn sie sie nicht an der Wirklichkeit erforscht.

Der Zustand kommt zu einem Teil daher, daß der Beruf des wissenschaftlichen Lehrers und Forschers eine Laufbahn ist, für die man sich in aller Regel früh entschließen muß. Daß Praktiker der Wirtschaft oder des Unternehmens bei uns – wie in Amerika – zu einem Lehrstuhl kommen, ist eine Ausnahme, die sich an den Fingern von wahrscheinlich zwei Händen abzählen läßt.

Das ist nicht unbedingt ein Fehler; es kann aber einer sein, Und hinsichtlich der zu entwickelnden „Theorie der Unternehmensführung“ ist es sicher ein Fehler. Ich vermute nämlich, daß es hier bei uns genügend akademisch vorgebildete Verantwortliche in der Industrie gibt, die aus einer modernen Praxis durchaus in der Lage wären, eine Lehre der industriellen Unternehmensführung zu entwickeln, die aus unserer Wirklichkeit stammt und auf unsere Wirklichkeit paßt. Es gibt keinen Appell, der sie auffordert, sich an einem solchen Auftrag zu versuchen, weil das nicht zu unserem akademischen System paßt. Innerhalb des akademischen Systems aber und also außerhalb des Feldes, in dem die Theorie spielt, kann sie nicht entwickelt werden, es sei denn die Forscher würden sich nicht nur als Beobachtende und Untersuchende, sondern auch noch als Mithandelnde, also selber als Manager in der Wirtschaft umtun. Aber auch solche Fälle, die es gibt, sind eine Ausnahme von der Regel. Und in diesen Fällen frißt dann die Praxis den Wissenschaftler völlig auf.

Das nämlich ist die andere Seite der Münze: Das Mitglied eines Vorstandes einer großen Unternehmung, das sich wissenschaftlich mit den Problemen der industriellen Führung beschäftigen würde, würde von seinen Kollegen wahrscheinlich als ein Mann angesehen, der die Aufgabe verfehlt, für die er bezahlt wird. Das also ist das Dilemma. Obgleich das industrielle Unternehmen das Kerngebilde unserer Gesellschaft ist und in ihm alle unsere sozialen Grundprobleme angelegt sind, gibt es den merkwürdigen Zustand, daß die Wissenschaft und die Praxis weniger in Kontakt stehen, als man erwarten müßte.

Das wäre nicht schlimm, wenn alle Entwicklungen – nicht nur die technischen – sich in langen Zeiträumen ereignen würden. Wir sind aber gezwungen, allen neuen Wirklichkeiten dicht auf der Spur zu bleiben. Auf den meisten Gebieten geschieht das inzwischen längst. Hinsichtlich der Probleme der Unternehmensführung geschieht es sicher nicht.

Wo sind die Beweise? – Ich kann es mir leicht machen, indem ich zwei Fragen wiedergebe, die mir gestellt worden sind.