Von Marion Gräfin Dönhoff

Wie muß eigentlich heutzutage ein Botschafter beschaffen sein, um bei euch "anzukommen"? fragte ich Hamilton Fish Armstrong, den Herausgeber und Chefredakteur von Foreign Affairs. Mir schien, gerade er müsse diese Frage besser als irgendein anderer beantworten können, denn schließlich ist er seit vierzig. Jahren der Leiter der bedeutendsten außenpolitischen Zeitschrift der USA – vielleicht muß man sagen: der Welt. Auch ist es sicher nicht übertrieben, wenn man behauptet, daß es während dieser Zeit keinen Präsidenten, keinen einflußreichen Politiker oder bedeutenden Botschafter auf der politischen Bühne der Vereinigten Staaten gab, den er nicht kannte.

Ham Armstrong dachte einen Moment nach und meinte dann: "Was heißt heutzutage? Ein Botschafter muß immer erstens bei sich zu Hause Gewicht haben, glaubhaft sein, Einfluß besitzen. Zweitens muß er imstande sein, bei der Regierung, bei der er akkreditiert ist, den Standpunkt seiner eigenen Regierung einfühlend, nachdrücklich und überzeugend zu vertreten. Und drittens muß er kosmopolitisch sein."

Kosmopolitisch? Mir fiel die Betonung ein, mit der Adolf Hitler diese Vokabel, die seinen äußersten Abscheu wiedergab, auszusprechen pflegte. Kosmopolitisch – also weltläufig – meinte Armstrong, und er legte auf diesen dritten Punkt offenbar besonderes Gewicht. Auch andere Amerikaner in der Washingtoner Administration und im Wirtschaftsleben pflegen, spricht man über das Thema der deutschen diplomatischen Vertretung, die Forderung kosmopolitisch besonders zu betonen und sie durch weitere Attribute wie leicht, sicher, natürlich, amüsant, liebenswürdig zu variieren. Offenbar empfindet man also die Deutschen als schwer, würdevoll, ungewandt.

Nun ist natürlich die Angewohnheit des joking und teasing, des Witzeins und Spötteins, eine typische angelsächsische Manier, die nicht jeder von Hause aus beherrscht. Aber andere Völker – Franzosen und Italiener beispielsweise – haben ähnliche Verhaltensweisen geistigen Brillierens entwickelt, die das unvermeidliche gesellschaftliche Zusammensein – je nach Niveau – erträglicher, witziger und geistreicher gestalten. Nur die Russen ermangeln dieser Kunstfertigkeit: Ihnen erscheint diese Form der westlichen Konversation frivol und nichtsnutzig. Sie sind lieber deftig oder aggressiv oder problemfreudig bohrend, über die letzten Dinge schon vor dem ersten Frühstück argumentierend. Sie meinen, es müsse immer etwas dabei herauskommen, etwas geklärt, jemand überzeugt werden. L’art pour l’art – was soll’s?

So gesehen könnte man sagen: Die Deutschen stehen zwischen den Russen und den "Menschen" – denn die meisten westlichen Völker halten doch all jene, die ihre angestammten Qualifikationen nicht erreichen, für nicht ebenbürtig – also nicht eigentlich für Menschen. Ein bekannter italienischer Diplomat sagte mir einmal: "Ich kann meinen englischen und französischen Kollegen sogar von weitem ansehen, ob sie untereinander zusammenstehen oder ob ein Deutscher mit dabei ist. Das hat nichts mit Politik zu tun", fügte er hinzu, "sondern nur mit atmosphärischem Gleichklang."

Nun könnte man zwar entgegnen, ein Arzt muß ein guter Arzt sein, ob er sich überdies noch in römischer Geschichte oder moderner Malerei auskennt, etwas von Musik versteht oder vom zeitgenössischen Theater, das ist egal. Allerdings: Für einen Arzt mag das zutreffen, für einen Diplomaten nicht, denn das Feld, in dem er wirken muß, schließt unendlich viele verschiedene Aspekte ein. Vielleicht ist dies der letzte Beruf, in dem Allgemeinbildung zählt und unentbehrlich ist.