Von René Drommert

Mit einigem propagandistischen Getöse traf „Lolita“ in Europa ein, wenige Tage nach der amerikanischen Uraufführung – ein Film mit so verwackelten Akzenten, daß man sich erstaunt fragt: Hat Vladimir Nabokov, der Autor des „Lolita“-Romans, nicht nur das Drehbuch geschrieben, sondern das fertige Produkt, den Film, wirklich gutgeheißen? Zum mindesten wußte James Mason, der Darsteller des Humbert Humbert, in Berlin davon zu berichten. Nun, das Verhältnis der Autoren, auch sehr großer, zu den Verfilmungen ihrer Werke scheint nicht immer von kritischen Erwägungen getrübt zu sein. Auch an Thomas Mann haben wir es, mit einem Gemisch aus Verehrune und Schauder, erlebt – damals, als seine „Königliche Hoheit“ auf der Leinwand erschien.

Der Name Nabokov war bei der Erstaufführung am Kurfürstendamm in aller Munde. Aber wer dachte wohl daran, daß der Autor zwischen 1922 und 1936 (mit Unterbrechungen), lange in Berlin gelebt hat, ein fast namenloser Emigrant, der hier und da Gedichte und Romane in russischer Sprache veröffentlichte, die zum Teil in Berlin spielen?

„Lolita“ ist einen Tag vor der Eröffnung der XII. Internationalen Filmfestsoiele nach Berlin gekommen, aber sie scheint, illegal, vorlaut und keß, für die ersten Tage das Thema angegeben zu haben: die Liebe. Dieses Thema wurde in mannigfachen Variationen geboten. Bei der Eröffnung der Festspiele in der Kongreßhalle, nahe dem Brandenburger Tor, gab es einen Film, der unter Truffauts Oberleitung entstanden ist: „Liebe mit zwanzig“. Der Film besteht aus fünf Episoden, fünf junge Regisseure aus fünf Ländern haben sie gedreht, der Italiener Renzo Rossellini, der Japaner Shintaro Ishihara, der Franzose François Truffaut, der Pole Andrzej Wajda und der Deutsche Marcel Ophüls.

Auf Marcel Ophüls, den Sohn des großen Max Ophüls (1902–1957), haben wir gehofft, aber seine Handschrift ist hier noch nicht recht erkennbar; das ist kein zorniger, das ist ein krittelnder junger Mann, und der Verdruß an den sittlichen Lebensnormen der Väter macht nicht allein schon schöpferisch. Aber das ist für Marcel Ophüls, der Fernseh-Erfahrungen besitzt, der erste Film, und es besteht kein Grund, die Flinte ins Korn zu werfen.

Eher schon für Roberto Rossellinis Sohn. Er lieferte den schwächsten Beitrag. Die Rivalität zweier Mädchen, die, aus verschiedenen Gründen, auf denselben Mann erpicht sind, ist nicht nur ohne Originalität dargestellt. Da blüht der Gartenlaubenkitsch, und selbst ein Vergleich mit „Papas Kino“, gegen das eine Generation junger Kritiker und Regisseure programmatisch Front macht, würde zuungunsten von Rossellini jr. ausfallen.

Vor den übrigen Respekt, vor Japan, Frankreich und Polen. Das Land, das „Rashomon“ (Kurosawa) und „Nobi“ (Ichikawa) hervorgebracht hat, bot die Episode mit der am schärfsten akzentuierten Dramatik: Ein junger Mann tötet das Mädchen, das er liebt, um es ganz zu besitzen. Der Kompromißlosigkeit des Themas entspricht auch in manchem die Ungefälligkeit, ja Drastik des Bildes.