Von den schrecklichen Grausamkeiten des römischen Kaisers Nero haben wir aus der Schulzeit so viel im Gedächtnis behalten, daß wir rassereinen Bluthunden gern seinen Namen geben. Aber jetzt werden wir und unsere Lehrer beschämt durch ein Buch des französischen Historikers Georges-Roux: Hatte Nero schon vorher mildernde Umstände im Prozeß der Geschichte verdient, weil er ein bißchen verrückt war, zur Harfe sang, die er selber zierlich schlug, und weil er als fleißiger Exhibitionist allerlei Verkleidungen liebte, so werden jetzt Akten aufgeschlagen, die seinen Freispruch fordern.

Nero hat nicht den Britanniens ermorden lassen. Er hat niemals Christen mit Teer überschütten und in lodernde Fackeln verwandeln lassen, niemals geduldet, daß Menschen den wilden Tieren zum Fraße vorgeworfen wurden. Im Gegenteil, er haßte den Tod in der Arena. Er verbot ausdrücklich, daß Gladiatorenkämpfe blutig endeten. Mit diesem Nachweis zerstörte Georges-Roux auch jene fromme Legende, nach der ein hungriger Löwe, der vor den heiteren Augen Neros die heilige Blandine fressen sollte, sich ihr zärtlich genähert und ihre Hand geküßt – beziehungsweise geleckt – hat.

Und die berühmte Story, nach der Nero den großen Brand Roms entfacht habe, um ihn mit ekstatischem Harfenspiel zu begleiten? Es war nichts Außergewöhnliches, daß verwanzte Stadtteile Roms angezündet wurden, nachdem die Bevölkerung evakuiert worden war. Und wenn Nero harfte, obwohl es irgendwo mal wieder brannte – warum nicht? Das eine hing nicht mit dem anderen zusammen.

In Wirklichkeit hat Nero so friedlich regiert, daß Lämmer oder Tauben seinen Namen tragen sollten. Aber warum – um Gottes willen – die Verleumdungen? Weil Neros Nachfolger Vespasian und Titus vor der Geschichte als Friedenskaiser gelten wollten, sagt Georges-Roux. Und sie suchten und fanden willige Staatsschreiber, die Neros phantastisches Gewand schwärzten, damit ihre Westen desto weißer leuchteten. Pfui über sie und unsere Schullektüre! M.-M.