Washington, im Juni

Die Kennedy-Regierung hat eine schwere innenpolitische Niederlage hinnehmen müssen: Das Repräsentantenhaus des Kongresses „tötete“, wie man hier sagt, eine Gesetzesvorlage, der die Regierung hohen Vorrang gegeben hatte – die „Farm-Bill“. Diesem Rückschlag wird hier in mehrerer Hinsicht Bedeutung beigemessen:

1. Das Problem der landwirtschaftlichen Überproduktion wächst sich zu einem wirtschaftlichen Krebsschaden für das ganze Land aus.

2. Der Präsident wird offensichtlich mit dem Parlament nicht fertig, obwohl seine Partei in beiden Häusern nahezu zwei Drittel der Sitze einnimmt.

3. Die demokratische Partei steht nicht fest genug hinter ihrem Präsidenten.

4. Der Wahlkampf für die Kongreßwahl im November dieses Jahres beginnt für die Regierung unter ungünstigen Umständen.

Der Sieg einer eindrucksvoll geschlossenen republikanischen Minderheit über die Kennedy-Regierung löste vielen Kritikern die Zunge, die bisher ihren Unmut über den, Präsidenten gezügelt hatten. Ein Anti-Kennedy-Boom in der öffentlichen Diskussion läuft parallel mit der anhaltenden Unlust der Börse. Expräsident Eisenhower fand Widerhall mit einer Rede, in der er nicht viel mehr tat, als die alten Vorwürfe gegen seinen Nachfolger zu dramatisieren: Kennedy gebe zu viel Geld aus, mische sich ungerechtfertigt ins Wirtschaftsleben ein und habe überspannte Berater.