Jacques Heim, einer der renommierten Männer der Haute Couture in Paris, der kürzlich nach langen Jahren der Aktivität seinen Posten als Präsident der Vereinigung aller Pariser Modeschöpfer niederlegte, hat mit einem Buch überrascht, in dem er nicht über die Mode spricht. Er enthüllt, daß er so ganz nebenher ein Leben darauf verwandt habe, die Gesichter der Menschen zu studieren, und er hat sich mit der Physiognomik beschäftigt, der Kunst, die Wesensart eines Menschen aus seinen Gesichtszügen zu beurteilen.. In einem Vorwort zu dem Buch „Abhandlung über Gesichter“ (Praite des Visages, Verlag Julliard, Paris) stellt ein französischer Arzt mit Namen Dr. Logre diese „psychosomatische“ Abhandlung Heimes wegen ihrer Originalität auf einen besonderen Platz in der Reihe der Studien zur Physiognomie, unter denen er seit der Zeit der Griechen viele erwähnt, auch Lavater und Goethe und die wissenschaftlichen Untersuchungen von Gall, dem Wahlfranzosen und Phrenologen, der exakte Schädelmessungen vornahm. Logres Liste reicht bis zur deutschen Schule, die von der Psychiatrie ausging und mit Kretschmer eine Analyse der Konstitution vornahm und drei Typen unterschied: die Pykniker (breite, runde Körperform, Neigung zur Fülle; warmherzig, gemütlich, besonnen, realistisch, anpassungsfähig, aber auch cholerisch, extrovertiert), den leptosomen Typus (von schlankem Wuchs, still, zurückhaltend, ernsthaft, empfindlich, nervös, reizbar, introvertiert), den Athletiker (von starkem Knochenbau und stark entwickelter Muskulatur; gemessen, wortkarg, beharrlich, ausgeglichen, passiv).

Wie aber zum Beispiel die Gallsche Schädellehre, die die geistig-seelischen Anlagen des Menschen in bestimmten Bezirken des Gehirns lokalisiert und in äußeren Eigentümlichkeiten der Form von Schädel und Gesicht Kennzeichen für Begabungen, geistige Leistungen und Charakter zu erkennen glaubt, schon zu Lebzeiten des Forschers heftig umstritten war, so ist es ebenso sicher, daß die Erkenntnisse des Außenseiters Heim nicht unangefochten bleiben werden.

Dr. Logre sagt, vorsichtig einschränkend, Jacques Heim wisse ohne Zweifel selbst, daß uns seine „engagierte und kühne“ Interpretation trotz der Solidität ihrer philosophischen Basis vorläufig noch mehr als eine Kunst denn als eine Wissenschaft erscheine. Um sie anzuwenden, brauche man die Intuition, das Flair und die Sensibilität eines Künstlers. Aber wenn man darüber verfüge, könne man mit Heims Hilfe „sehen“ und menschliche Gesichter beobachten lernen, die der Dichter Valery „die außerordentlichste und anziehendste Fläche der sichtbaren Welt“ genannt hat. Man könne sie nicht betrachten, ohne darin zu lesen.

Als Amateur-Philosoph will der Autor seinen Lesern auf die Sprünge helfen, die Menschen als Individuen und ganze Völker zu durchschauen. Jacques Heim drückt das, was er sagen will, präzise und elegant aus. Er war schon als Kind ein Karikaturenzeichner, ein genauer Beobachter, und er fand später an seinen Modellen immer deutlicher heraus, daß gewisse physische Erscheinungen mit bestimmten psychischen Zügen übereinstimmten. „Bei zwei Menschen mit der gleichen spitzen Nase, zum Beispiel, fanden sich ähnliche Elemente des Charakters.“

Neben der Lebensregel „Erkenne dich selbst“ sei es eine ebenso wichtige Aufgabe, die anderen zu erkennen. Wenigstens teilweise diese Rätsel zu lösen, die wir und die anderen uns aufgeben, kann unser Leben erleichtern. Das von ihm erarbeitete System sei ihm selbst behilflich gewesen, sagt Jacques Heim, und er hoffe, es werde auch anderen nützlich sein.

Heim zieht einige der bekanntesten Köpfe der Weltgeschichte zum Vergleich heran, Nasen und Stirnen aus Vergangenheit und Gegenwart, und illustriert damit seine Methode, Charaktere zu erkennen; Er gibt den Preis für den perfekten Kopf zur Hälfte an Napoleon und an Leonardo da Vinci. Ihre hohen Stirnen, die mit ihren großen Nasen und dem energischen Kinn harmonieren, lassen geborene Führernaturen erkennen, die in sich große Energie und Vitalität mit Organisationstalent vereinen. Menschen dieses Typs sind selten. Die meisten Menschen sind „unharmonisch, unausgewogen und leiden durch die Anstrengung, ihre Unvollkommenheiten zu kompensieren“.

Innere Gleichgewichtsstörungen zeige zum Beispiel ein Gesicht mit hoher Stirn und einem schwachen, fliehenden Kinn an. Heim nennt diesen Typ „intensiv“. Er ist energiegeladen, doch tritt er leicht aggressiv und arrogant auf. Er neigt zu Temperamentsausbrüchen, Anmaßung und Verdauungsstörungen, ist aber häufig sehr musikalisch. Beethoven gehört ebenso in diese Reihe wie General de Gaulle, dessen lange Nase außerdem anzeigt, daß er Abenteuern nicht ausweicht und einen Sinn für Größe (grandeur) habe.