Romain Gary, Diplomat und Autor erfolgreicher Bücher – sein Roman „Die Wurzeln des Himmels“ erhielt 1956 den Prix Goncourt – schrieb seine Lebenserinnerungen als Hymnus auf seine Mutter –

Romain Gary: „Erste Liebe – Letzte Liebe“, aus dem Französischen von Lilli Sauter; R. Piper & Co Verlag, München; 399 S., 18,50 DM.

Gary, der weiß, daß die Faustregeln der Psychoanalyse heute vielen Lesern geläufig sind, der es sich aber nicht versagen will, bewußt offen und unbefangen zu erzählen, schirmt sich zunächst gegen unerwünschte Durchleuchtung ab: „Ich habt für meine Mutter niemals eine inzestuöse Neigung gehabt. Ich bin mir klar, daß diese Weigerung, den Dingen ins Auge zu sehen, den Wissenden sofort ein Lächeln entlocken wird und daß niemand für sein Unterbewußtsein garantieren kann.“

Das hätte genügt. Aber der Gedanke daran, daß diese gewissen Wissenden über seine heiligsten Gefühle lächeln werden, bringt Gary schon vorher so auf, daß er gröber wird: „Diese quecksilbriger. Parasiten und Seelensauger, aus denen drei Vierte unserer derzeit bekannten Psychotherapeuten bestehen ... Wie alle unsere Ideen geht auch du Psychoanalyse heute in die Irre und nimmt eine totalitäre Form an; sie versucht, uns das Halseisen ihrer eigenen Perversionen anzulegen. Sie hat das Terrain besetzt, das der Aberglauben geräumt hat, hüllt sich geschickt in den Jargon einer Semantik, der sich selbst die Elemente zur Analyse bereitet, und lockt die Kundschaft durch seelische Einschüchterungs- und Erpressungsmanöver an, ein bißchen in der Art amerikanischer Gangsterbanden, die uns ihren Schutz aufzwingen wollen. Ich überlasse es also gern den Scharlatanen und Verrückten, die auf so vielen Gebieten über uns herrschen, mein Gefühl für meine Mutter mit irgendeiner pathologischen Geschwulst zu erklären. Wenn man bedenkt, was die Freiheit, die Brüderlichkeit und die edelsten Bestrebungen des Menschen in den Händen jener Dogmatiker geworden sind, so sehe ich nicht ein, warum nicht auch die Sohnesliebe in ihrer Einfachheit in diesen kranken Hirnen zu einer Mißbildung werden sollte.“

Und damit scheint der liebende Sohn sich genügend beruhigt zu haben, um heiter und mit zärtlicher Ironie seine ungewöhnliche Mutter zu schildern.

Diese Mutter ist maßlos, wenn es um den Sohn geht, für den allein sie lebt. Sie ist eine gescheiterte Schauspielerin, die von ihrem Manne verlassen wurde. Pathos, Rhetorik und alle ihre Liebe konzentrieren sich auf einen kleinen Jungen, den sie – sie leben arm und ohne Verbindungen noch in einer polnischen Kleinstadt – planmäßig zum großen Manne entwickeln will. „Ein Held wirst du werden, ein General, Gabriele d’Annunzio, Botschafter von Frankreich.“

Es gibt nichts Großartiges, das die Mutter nicht in ihm sieht: Er bekommt Geigenstunden und ist ihr künftiger Menuhin; er übt schüchtern an der Ballettstange, für sie wird er Nijinski. Der zweite Einstein, muß sie einsehen, kann nicht zustande kommen, weil Romain in der Mathematik versagt. Aber ein Schriftsteller muß er werden, und „so beschritt ich denn diesen Ausweg so vieler gescheiterten Existenzen“. Gary, der in seiner diplomatischen Laufbahn zuletzt französischer Generalkonsul in Los Angeles war, ist seit einiger Zeit nur noch Autor.