In dem jahrelangen Bemühen um die Bewältigung der Vergangenheit im Rechtsleben unseres Volkes hat eine Stimme bisher geschwiegen, die der sogenannten „NS-Richter“ selbst. Das ist erklärlich: Niemand begibt sich von selbst in die Rolle des Beschuldigten, und man hält es bei uns auch für unter der Würde des Richters, seine Entscheidungen – das sind Hoheitsakte des Staates – öffentlich zu verteidigen. Indessen soll der Grundsatz „audiatur et altera pars“ auch hier gelten. Aus eigener Erfahrung wie aus der mancher seiner Kollegen schildert im folgenden einer der betroffenen Richter das Dilemma seiner Lage.

Seit 1932 bin ich Richter. Die erste Anstellung mußte ich mir in jahrelangen Auseinandersetzungen mit „der“ Partei erkämpfen, der ich nicht „zuverlässig“ erschien. Es gelang mir auch nur, weil der Justizminister anderer Meinung als die Funktionäre war und mir die Stelle einfach unentwegt freihielt. Freilich – ein bequemer Untergebener war ich nie.

Wie jeder gleichaltrige Kollege war ich natürlich auch eine Zeitlang Strafrichter. So bin ich denn auch Betroffener im Sinne des § 116 des am 1. Juli 1962 in Kraft tretenden Richtergesetzes, der jeden anspricht, der in den sechs Kriegsjahren einmal eine Strafsache bearbeitet hat (siehe ZEIT Nr. 25). Bin ich aber auch ein Belasteter?

Belastet in welchem Sinne? Im Sinne eines Gesetzes, das wie eine drohende Wolke über mir hängt und wohl auch bestimmt ist, als Drohung meine Entscheidungen zu lenken? Eines Gesetzes, das, so hören wir, das Grundgesetz – nämlich die richterliche Unabsetzbarkeit – antasten soll? Wohlwollende Kollegen meinen mit Vatermiene, es sei ratsam, sich den möglichen Folgen dieses Gesetzes zu entziehen, das neben dem Etikett „unwürdig“ auch den Verlust jeder – Pension für uns bereithalten könne ...

So legen wir „Betroffenen“ uns also Rechenschaft ab. Nach zwanzig und mehr Jahren versuchen wir aus dem Dunkel der Vergangenheit, des Vergessens einzelne Fälle wieder ans Licht zu ziehen, die vielleicht bedeutsam werden können im Hinblick auf diese Fragen, die nun auf uns zukommen. Das ist schwer, ja beinahe unmöglich, denn in diesen zwanzig Jahren ist neben Tausenden anderer Fälle so viel an uns herangetreten und hat unsere ganze Aufmerksamkeit gefordert. Und merkwürdig – es sind durchaus nicht nur die großen Fälle, die da wieder ins Gedächtnis treten, es sind kleine und unscheinbare dabei, ganz alltägliche; Fälle mit und ohne politisches Gewicht – insgesamt Spiegelungen einer aus den Fugen geratenen Zeit und ihrer Menschen, sowohl der schnell Gleichgeschalteten als auch der beharrlich Getreuen, der Scharfmacher wie der Besonnenen.

In der scheinbaren Ruhepause des Krieges nach dem Feldzug in Frankreich wurde ich für die Rechtspflege freigestellt und kam im Herbst 1941 an ein Landgericht, das bekannt war wegen seines Sondergerichts und dessen „vorbildlicher“ Härte.

Einer der ersten Fälle, die in meiner Erinnerung an jene Zeit haften, war jedoch eine reine Zivilsache, kein Sondergerichtsfall – eine deutsch-englische Familienrechtssache.