Von Josef Müller-Marein

So sah man ihn denn von Angesicht zu Angesicht, erlebte ihn am Dirigentenpult und begegnete ihm auf zwei Empfängen, im Hamburger Rathaus und, am Nachopern-Abend, im Hotel „Vier Jahreszeiten“, wo er wohnte.

Er hat gewiß viele Gesichter, der große Igor Strawinskij. Aber wer es wagt, den Vielgesichtigen zu beschreiben, wird wohl einen Wesenszug, beachten müssen, der womöglich erst im hohen Alter wieder deutlich hervorgetreten ist. Es ist die aus Weitläufigkeit, Höflichkeit und Herzlichkeit gemischte Art des russischen Edelmannes aus der Zeit, da Rußlands Fenster alle zum Westen, nach Europa geöffnet waren (und viele Fenster in Deutschland und Frankreich nach Rußland).

Das Herz pochte ein paar Schläge des Glücks, als man im Rathaus sah, mit welcher Geste Strawinskij das Gastgeschenk entgegennahm, das Bürgermeister Nevermann ihm überreichte: einen der ersten Drucke von Lessings „Hamburgischer Dramaturgie“. Die Geste war anmutiges Erschrecken. Strawinskij und Lessing – das ergibt wahrhaftig keine Dissonanz! Und auch Biermann-Ratjen, der seit langem in seinem Amt als Kultursenator so unwahrscheinlich viel Glück entwickelt hat, wie es auf die Dauer eben nur dem Tüchtigen zuteil wird, hatte offensichtlich Erfolg bei Strawinskij, als er in seine kurze Rede eine Anekdote einflocht: Tschaikowskij kam vor siebzig Jahren nach Hamburg, um seine Oper zu dirigieren. Er überließ den Taktstock dann einem jungen Dirigenten, den er um seines Genies, seiner Begeisterung, seiner Herzlichkeit willen zu fördern wünschte. Dieser so viel jüngere Künstler hieß Gustav Mahler.

Daß dies eine Geschichte nach Strawinskijs Geschmack war, blieb niemandem verborgen. Dessen – im Alter erst recht – rassiger Kopf wandte sich mit einem Ausdruck von Herzlichkeit und Schalk der Stelle zu, wo Rolf Liebermann stand, der Hamburger Opern-Intendant und weltgewandte Freund des Meisters.

Es gab in Paris einige Musiker, die es sehr bedauerten, daß Strawinskij, der so lange Jahre ihr geliebter Landsmann gewesen war, wenn schön nicht in Amerika, seiner neuen Heimat, und auch nicht an der Seine, sondern ausgerechnet an der Alster seinen 80. Geburtstag verbrachte. Wo anders sei es denn denkbar, so aber sagte Strawinskij in seinem wohlakzentuierten Petersburger Deutsch, daß ein berühmtes Opernhaus ein berühmtes Ballett über den Ozean holt, bloß um einen Strawinskij-Abend zu geben? Das sei doch wohl nur in Deutschland möglich, dem Lande so reicher musikalischer Traditionen.

Einen Strawinskij-Abend – derart also nannte der bedeutendste Komponist unserer Epoche seine Geburtstagsfeier, die in Hamburg als das größte kulturelle Ereignis der letzten Jahre empfunden wurde.