Wie schreibt man einen modernen Roman, in dem ein Mädchen die Hauptrolle spielt, das nach alter guter Manier und weil es sich in den eigenen Gefühlen noch nicht so recht auskennt den Falschen heiratet und danach in Liebe zum Richtigen entbrennt? Dem Inhalt nach müßte sich so eine Geschichte schön rührend und traurig anhören. Der Leser könnte lange in Spannung gehalten werden, ob die Angelegenheit auf den Verzicht oder die Sünde zustrebt – aber: es käme in dieser Form eben nur „Unterhaltung“ heraus und keine „unenträtselbare Verquickung von Verhängnis und Schuld im menschlichen Leben“ (Klappentext). Dies erfordert selbstredend „künstlerischen Gestaltung“.

Der Roman von

Barbara König: „Kies“; Carl Hanser Verlag, München; 247 S., 14,– DM

enthält alle jene Elemente, die als die der Dichtung verstanden und benutzt werden: Es wird ein Gebäude aus Illusionslosigkeit, Einsamkeit, Vergeblichkeit, Warten, Sinnlosigkeit, Enttäuschung, Schweigen, Wahnsinn und Langeweile errichtet. Wenn jemand lacht, dann nur aus Hysterie oder nackter Verzweiflung.

Bevölkert ist diese Trostlosigkeit (es spielt auch im Flachland, am Meer, es stürmt viel, und der Himmel ist sehr leer) mit Figuren, die sich von selber in dieser Kulisse einfinden: eine elende Witwe, die sich nach Kindesliebe sehnt. Eine armselige junge Frau, die sich nach Mannesliebe sehnt. Ein Kretin. Ein zu klein gebliebener Mann. Eine alternde Schönheit. Ein adonishafter Dummkopf. Eine zahnlose Greisin, die Geheimnisse hütet, Geheimnisse ausplaudert. Kapitänswitwen, Matrosen, Landleute und Marktvolk. Jedenfalls kein normaler Mensch, kein normales Gefühl.

Gesündigt wird zwar altmodisch und im Heu, aber nicht des Vergnügens, sondern des benötigten Verhängnisses wegen. Wenn fremde Matrosen am Feierabend mit der alternden Schönen tanzen, so denkt die Heldin an „ein Treibhaus voll giftiger Pflanzen“.

Diese Heldin nun, Laie, ein junges Mädchen noch ohne Erfahrung, ist Mittelpunkt eines negativen Entwicklungsromans. Laie hat keine Persönlichkeit zu entfalten, sondern läßt sie im Keime erstarren. Sie besitzt keine Aufgabe, sondern entzieht sich kunstvoll jeder Anforderung.