Ja, haben Sie auch einen Spirituskocher bei sich?“ fragte der Zollbeamte streng, als der Zug die deutsche Grenze passierte. Gewissenhaft hatte ich ihm die 100 Gramm Tee gezeigt, um die deutsche Wirtschaft nicht zu gefährden, und nun zückte der grüne Erzengel seinen Kugelschreiber. Auf meine verdutzte Verneinung und den Einwand, der Tee sei doch Reiseproviant, meinte er: „Reiseproviant muß auf der Reise genossen werden, und ohne Kocher ...“

Als gelernter Deutschlandfahrer zahlte ich die 80 Pfennig gerne. Mich erheiterte die Vorstellung immens, von Amts wegen angehalten zu werden, im Zugabteil abzukochen und zu picknicken. Die Zollquittung war meine Eintrittskarte nach Schlangenbad.

Ich glaube an Liebe auf den ersten Blick. Als ich den Ort auf der Landkarte entdeckt hatte, war ich sofort neugierig geworden. Badende Schlangen zu sehen, war ein langgehegter Wunsch. Allerdings konnte mir das deutsche Reisebüro in London nicht viel darüber sagen, nur, daß dort Rheuma und Kreislaufstörungen kuriert würden und der Ort im Taunus in der Nähe Wiesbadens liege. Das wußte ich aber schon von der Landkarte. Dann aber wurde ich gewarnt: Ich würde dort keine Landsleute treffen.

Mal eine Weile keine angelsächsischen Saxophonstimmen zu hören und die Aussicht, meinen Ischias zu kurieren, waren ausschlaggebend.

Von Wiesbaden fährt ein schöner gelber Postbus den etwa zehn Kilometer langen Weg durch dichten Buchenwald nach Schlangenbad. Eigentlich hätte es eine Thurn und Taxische Postchaise sein müssen. Es ist eine kleine Reise in die Vergangenheit. Schon von der Höhenstraße sieht man den kleinen Badeort in einem von Wald umgebenen Tale liegen. Er war mir auf dem ersten Blick sympathisch, und ich war brennend interessiert, zu erfahren, weshalb im Ausland keine Reklame, Verzeihung Werbung, für das Bad gemacht wird. Zweifellos wollen die Deutschen das Bad für sich alleine behalten.

Und kein Wunder, denn inmitten hohen Bergwaldes liegt der Ort so lieblich und versteckt, daß sofort alte, halbvergessene Erinnerungen wachgerufen werden. Richtig, es erinnert an die Abbildungen in Auerbachs Kinderkalender. Die zeigten auch immer so anheimelnde Städtchen und Dörfer in Wiesengründen und Wäldern. Merkwürdig, wie solche Kindheitserinnerungen plötzlich wieder erwachen. Trotz hastiger Autos und junger Damen mit Farah-Frisuren wurde ich den Eindruck nie los, plötzlich in die Biedermeierzeit mit elektrischem Licht geraten zu sein. Selbst die Kurkapelle spielte nur Stücke, die vor 1850 komponiert waren. Mir kam’s so vor.

Seitdem römische Legionäre dieheißen Quellen entdeckt haben, ist das Bad natürlich hin und wieder modernisiert worden. Im Kurbetrieb, der innerhalb des Römerbads und im Kurhotel vor sich geht, ist natürlich alles hochmodern. Die Schlangenbadenser haben es offenbar gut verstanden, den Zwiespalt von gestern und heute zu überbrücken. Die Flucht aus der Jetztzeit ist unendlich entspannend, und ich vermute, das ist ein raffiniert ausgeklügelter Teil der Kurbehandlung. Auch die Spaziergänge erinnern an deutschen Märchenexport; da führen Wege nach Unkenborn und Kuckucksley. Auf dem Hexentanzplatz geht’s allerdings heute sehr sittsam zu, und nur die Rehe äsen dort, wo sich einmal tolle Dinge abgespielt haben müssen. Als Ire habe ich ein Gefühl dafür. Diese Märchenatmosphäre liegt uns sehr; wer weiß, ob das wirklich nur Rehe waren ...