Wieder einmal mußten die türkischen Generäle vernehmlich mit den Säbeln rasseln, wieder einmal mußte Ministerpräsident Ismet Inonü damit drohen, sich endgültig auf das Altenteil zurückzuziehen – erst da billigten die widerborstigen Führer der bisherigen Oppositionsparteien (Neue Türkei und Nationale Bauernpartei) Inonüs Koalitionsbedingungen. Nach drei Wochen hartnäckigen Feilschens um Posten und Versprechungen gaben sie nun ihren Widerstand auf. Zusammen mit Inonüs Republikanern werden sie die zweite Regierung der zweiten türkischen Republik bilden.

Gewonnen aber haben sie bei diesem Handel nicht viel: Gewarnt durch die Erfahrungen mit dem bisherigen Regierungspartner, der Gerechtigkeitspartei hat der Ministerpräsident die Parteioberen der beiden neuen Koalitionsgruppen an die Kette gelegt. Um zu verhindern, daß sie – wie zuvor die Führer der Gerechtigkeitspartei – als Störenfriede im Lande herumziehen und Stimmung gegen Inonü und die Politik der Militärs machen, hat man sie mit Regierungsämtern betraut.

Verloren haben sie auch im Streit um die Freilassung der Menderes-Anhänger, die im Gefängnis auf der Insel Yassiada sitzen. Denn höchstens dreihundert der vierhundert Häftlinge werden im Herbst auf freien Fuß gesetzt werden, keinesfalls aber alle, wie es noch vor wenigen Tagen so lautstark von den Abgeordneten der Neuen Türkei und der Bauernpartei gefordert worden war.

In der Tat hat Ankara, haben die Türken im Augenblick andere Sorgen, als sich über eine Amnestie für die Gefangenen von Yassiada zu erregen. Seit langem schon sind eine Sozialreform und eine neue Wirtschaftspolitik fällig. Hüten müssen sich die Bauern in Anatolien wie die Politiker in Ankara obendrein vor einer Situation, vor der sie vielleicht noch weit mehr Furcht haben – vor einem neuen Staatsstreich der Offiziere. Diese sind die Mächtigsten im Staate, sie haben es noch heute in der Hand, die „Zivilisten“ in die Wüste zu schicken und über Nacht eine Militärdiktatur aufzurichten. Nach dem Sturz von Adnan Menderes waren sie bereit, den Politikern und Parteien zu vertrauen, an sie einen Teil der Macht abzutreten. Doch ihre Geduld, das wissen die neuen Regenten, währt gewiß nicht mehr lange. Denn soviel ist sicher: Auf Inonüs zweite Regierung wird keine dritte mehr folgen. Eine Wiederholung des „bürgerlichen Experimentes“ würden die Militärs kaum zulassen.

So bedrohlich diese Gefahr auch sein mag – sie wird das neue Kabinett wie auch die Abgeordneten der Koalitionsparteien dazu zwingen, den alten Streit um den gehenkten Menderes und seine Freunde auf Yassiada endlich zu begraben und sich – wie es ihres Amtes ist – von nun an um die Zukunft der Türkei zu kümmern und nicht um deren Vergangenheit. D. St.