Von Josef Müller-Marein

Wo denn? Wo habe ich denn in Her ersten „Runde“ geschrieben, Abendroth möge die „Zwölftöner“ deshalb nicht, weil er als Komponist anderer Richtung sich „zu wenig beachtet“ fühle? Ich habe das nie und niemals geschrieben, jamais, never, dreimal njet! Das wäre ja –, um im Abendrothschen Bilde der „Runde“ zu bleiben – ein „Tiefschlag unterhalb der Gürtellinie“. Schiedsrichter her!

Ich habe (in einem Klammer-Apropos) doch bloß dies gemeint: Wenn der von Abendroth zitierte H. H. Stuckenschmidt öffentlich erklärt hat, man solle „dem geistigen Gehalt, wo immer er sich finde, mehr Aufmerksamkeit schenken“, dann sollte damit Ernst gemacht und der Komponist Abendroth ebenso beachtet werden wie der Musikschriftsteller Abendroth, worüber wir als seine Freunde von der ZEIT uns herzlich freuen würden. Es war kein Schlag, erst recht kein Tiefschlag. Es war ein Kompliment!

Und bitte, ihr Freunde in Abendroths Ecke, könnt ihr ihm nicht gut zureden, daß er fortan ein bißchen mehr aus der „Deckung“ herausgeht? Er deutete an, daß manche Komponisten zwölf-, tönig „ohne Überzeugung“ schrieben. Bloß, weil im anderen Falle die „Kritik“ sie „nicht hochkommen“ ließe! Um wen handelt es sich da? Daß Abendroth schrieb, bei Komponisten, die sich später erst zur „Dodekaphonie entschlossen“ hätten, sei vergleichsweise festzustellen, ihre früheren Werke, also die der vor-dodekaphonischen Epoche, seien besser – nun, das ist sein Urteil.

Und zu urteilen, das ist sein gutes Recht. Aber warum will er „persönliche Herausforderungen tunlichst vermeiden“? Warum sagt er: „Nomina sunt odiosa?“ Warum nennt er die Namen nicht, beispielsweise den jenes erstaunlichen Komponisten, der ihm gestand, die Zwölftontechnik habe den „Vorteil“ der „Unabhängigkeit vom Einfall“? Los! Pfeile aus dem Köcher! Es brauchen ja nicht gerade vergiftete zu sein ... Gong ...

Hier stehe ich nun in der kühlen Luft des Hamburger Klimas, das zur Zeit durchsonnt wird von der allgemeinen Freude darüber, daß gerade in dieser Stadt Igor Strawinskij soeben seinen 80. Geburtstag gefeiert hat, und richte an Sie, Walter Abendroth, der Sie aus Überzeugung im herzlicheren, aber allem Neuen nicht gerade holden München wohnen, die große Gewissensfrage: Glauben Sie, daß man nach dem Zwölftonsystem oder der „seriellen“ Lehre, nach Schönbergs oder Weberns und seiner Epigonen Methode Musik schreiben kann – richtige Musik? Oder nicht? Ja oder nein?

Schönberg hat, neben dem Ausdruck „atonale“ Musik, nichts so sehr beklagt wie Einfallslosigkeit. Daher seine Frage, die ich schon zitierte, ob denn ein neuer, unbekannter Jünger seiner Lehre, von dem man ihm erzählte, „da auch Musik hineintäte“. Und wenn – was Ihre Ansicht zu sein scheint – „man“ keine Musik in das Schönbergsche System „hineintun kann“ – dann konnte es auch Schönberg selber nicht?