R. S., Bonn, im Juni

Es war kein Zufall, daß der amerikanische Außenminister nach Europa kam, noch gerade bevor der Bundeskanzler nach Frankreich fährt. Dean Rusk wollte in Paris wie in Bonn vieles hören und wohl auch manches vorbringen, ehe Adenauer sich auf die großartig inszenierte romantische Reise macht. Denn Rusk – und nicht nur er – vermuteten, daß es sich hierbei um mehr handeln würde als nur um ein symbolhaftes Schaugepränge. Schon die Auswahl der Stationen schien auf eine politische Absicht hinzudeuten: Rotten, wo die Engländer einst der Jungfrau von Orleans den Scheiterhaufen errichteten, Reims, die Krönungsstadt der französischen Könige. Wäre nicht die angeblich vorgeschlagene Station Dünkirchen auf eine Bitte aus Bonn gestrichen worden, dann wäre der Eindruck einer antibritischen Manifestation kaum zu vermeiden gewesen.

Rusk hob im Auftrage seines Präsidenten nachdrücklich hervor, welch großen Wert die amerikanische Regierung auf den Beitritt Großbritanniens zur EWG lege. In diesem Wunsch stimmen alle Bonner Parteien mit Kennedy überein. Und es sollen den Kanzler auch einige seiner engsten Mitarbeiter vor mißverständlichen Gesten gewarnt haben, zu denen ihm in Frankreich vielleicht Gelegenheit geboten werden könnte. In Bonn wünscht die Koalition wie die Opposition, daß England mit von der Partie sei – und zwar voll und ganz.

Es gibt freilich Skeptiker, die da meinen, Adenauer könnte sich zu einer so engen Bindung an Frankreich bewegen lassen, daß sie außerhalb dieses Lagers Mißtrauen hervorrufen könnte. In der Tat lief zu Beginn dieser Woche in Paris das Gerücht um, Adenauer und de Gaulle planten als Clou des Kanzlerbesuchs einen engeren staatlichen Zusammenschluß zwischen Frankreich und Deutschland. In Bonn selber hatten sich der Kanzler und sein Sprecher v. Eckardt delphischdunkel vernehmen lassen: „Notfalls fangen wir eben mit Frankreich allein an.“ Aber der Kanzler ist wohl Realist genug, die herrschende Stimmung in Bonn nicht zu mißachten. Ein exklusiver deutschfranzösischer Sonderbund hätte beim Bundestag, der ein solches Abkommen schließlich ratifizieren müßte, nicht die geringsten Chancen.

Damit jedoch sind die Möglichkeiten der Begegnung in Frankreich, die sich im Sturm der Begeisterung wie eine Apotheose des Lebenswerkes zweier bedeutender Männer ausnehmen könnte, klar umrissen.