WIEN (Kunsthistorisches Museum): „Europäische Kunst um 1400“

Diese Ausstellung ist die achte „unter den Auspizien des Europarates“. Die Ausstellungen, Musterbeispiele internationaler Zusammenarbeit der Ministerien, Museen und Wissenschaftler, werden jedes Jahr in einem anderen Land veranstaltet und wollen das Bild einer Epoche unter gesamteuropäischem Aspekt und in maximaler Breite, vom Gemälde bis zum Kunstgewerbe, demonstrieren. Erst waren es, von 1955 bis 1960, große Epochen der Neuzeit – es begann beim Humanismus und endete mit den „Quellen des 20. Jahrhunderts“. Seit dem Vorjahr – Romanische Kunst, in Barcelona – ist das Mittelalter an der Reihe. „Um 1400“, der Zeitraum etwa 1370 bis 1420, ist keine der großen Epochen abendländischer Kunst, ist durch das Aussetzen des Genialen gekennzeichnet. „Es ist, als ob der gewaltige Strom der spätmittelalterlichen Kultur in ein immer breiteres vielverästeltes Delta auslaufe, um schließlich zu verschwinden“, schreibt Alphons Lhonsky in einem der vielen Einführungsessays zu dem dickleibigen Katalog, der die 600 ausgestellten Objekte registriert. Ermüdung, Verfeinerung. Flucht in die Irrealität, ein Nachleben der ritterlichen Vergangenheit, der gotischen Ekstase, des Hohen Mittelalters – aus solchen eher zarten als kräftigen Impulsen gewinnt Europa seinen „Internationalen Stil“, den „weichen Stil“, das opus pulchrum, die schönen Madonnen, eine exaltierte Anmut. Eine höfische Kunst der überzüchteten Gebärden für die europäische Aristokratie – die Stille vor dem Sturm, der schon in der nächsten Generation losbricht. „Europa um 1450“: ein aufregendes und hinreißendes Schauspiel, ein großes Thema! Aber natürlich hat es seinen guten Sinn, auch einmal eine stille Epoche als gesamteuropäisches Phänomen darzustellen. Damals, um 1400, beginnt die Zeichnung, diese sublime, unaufdringliche, intime und leise Kunst, sich zu einer selbständigen Gattung zu entwickeln. Das abgebildete Blatt, wahrscheinlich die Figur des Apostels Johannes, ist in Österreich entstanden und um 1420 zu datieren. – Die Ausstellung dauert bis zum 31. Juli. Für 1963 ist Byzantinische Kunst in Athen geplant.

HAMBURG (Altonaer Museum): „Künstlerkarten“

„Bemalte Postkarten und Briefe Deutscher Künstler“ sind bis Ende September in Altona ausgestellt. 600 Objekte aus annähernd 100 Jahren – 1870 wurde die Postkarte in Deutschland eingeführt. Viele prominente Absender, aus der Frühzeit der Postkarte Wilhelm Busch, Slevogt, Corinth, dann die „Brücke“-Maler, die sich gegenseitig Hunderte von Karten geschrieben haben und mit solchen Stenogrammen der Künstlerfreundschaft besonders reich vertreten sind, Beispiele von Barlach, Kubin, Marc, Rohlfs, Feininger, Beckmann, Kokoschka bis zur Generation von Kügler, Skodlerrak, Janssen, Lemcke. Ein Abriß der Kunstgeschichte eines Jahrhunderts im Kleinstformat, projiziert auf die Ebene der persönlichen Mitteilung. Feininger kritzelt einen Gruß an die Kinder, ein bißchen Spielzeug, Kokoschka zeichnet sich mit dem Glas in der Hand, Heckel strichelt ein paar Akte – und jeder ist ganz präsent. Selbst an der beiläufigen, zufälligen Äußerung kann man seinen Stil, seine Sicht, das, was ihn von allen unterscheidet, ablesen. Idee und Ausführung dieser ersten Künstlerkarten-Schau stammt von Museumsdirektor Gerd Wietek, der schon im vorigen Sommer mit den „Galionsfiguren“ in museales Neuland vorgestoßen war.

MÜNCHEN (Galerie Günther Franke): „Nay“

„Diese Ausstellung meinem Freund E. W. Nay zu seinem 60. Geburtstag.“ Seit über 30 Jahren ist Günther Franke, der sich immer nur für einzelne Künstler, nie für Richtungen interessiert hat, der extreme Maler wie Beckmann vertritt, mit Ernst Wilhelm Nay befreundet. Er hat alle Phasen des Malers, auch die schrittweise Entwicklung zur Abstraktion, vorbehaltlos mitgemacht. In dieser 14. Nay-Ausstellung seit 1943 zeigt er 14 Bilder und sieben Aquarelle aus dem letzten Jahr. Eine neue Phase nach den „Rundscheiben-Bildern“ der Jahre 1955 bis 1960, weniger heiter, weniger strahlend, keine Hymne der Lebensfreude und auch nicht so festlich dekorativ. „Es ist, wie wenn der Maler, in einer selbstzerstörerischen Anwandlung, die Seligkeit seiner schwebenden Farbscheiben mit jäh durchstreichenden Pinselhieben verneinen wollte“, schreibt Georg Schmidt über die neuen Bilder, die „gleichsam zwischen Elysium und Acheron“ beheimatet seien. Die Ausstellung dauert bis Ende Juli. g. s.

MÜNCHEN (Haus der Kunst): Große Kunstausstellung

Die Große Kunstausstellung München 1962, veranstaltet von der „Neuen Gruppe“, der „Secession“ und der „Neuen Münchener Künstlergenossenschaft“, zeigt bis zum 7. Oktober 950 Werke von 560 Künstlern, unter denen auch eine große Anzahl von Gästen aus den anderen Bundesländern die Kollegialität der einladenden Münchener bezeugt. Wie gewohnt, sind hier Naturalismus, Impressionismus, Kubismus, Neue Sachlichkeit, Gegenständlichkeit anderer individueller Schattierungen, Surrealismus und alle Sorten von Abstraktion friedlich vereint. Eine Handvoll Namen mögen für die Hunderte stehen: Hartmann, Heckel, Ahlers-Hestermann, Purrmann, Ernst Schumacher, Dix, Kokoschka, Hanns Hubertus von Merveldt, Schmidt-Rottluff, Erich Schumacher, Ende, Oelze, Mac Zimmermann, Ritschel, Trier, Trökes, Janssen – die willkürliche Auswahl soll nur die Spannweite der Gegensätze andeuten, die hier mit Dokumentationen unterschiedlichen, vielfach aber durchaus imponierenden Ranges vertreten sind. Allerdings vermißt man – wie so oft – den Willen zu begründeter Maßstäblichkeit, und zwar bei allen Richtungen. a-th