Zum christlichen Feiertag etwas von Hofmannsthal, Großes Welttheater oder zumindest der Jedermann, zum nationalen Gedenktermin was Freiheitliches, Fidelio – wegen des Chores – oder zumindest Don Carlos – wegen des Marquis Posa –, wenn’s mal was Neues sein soll: Egmont. Also erst einmal vorweg: so plausibel die Wahl zu sein scheint – es ist nicht mehr zu ertragen, daß unsere dramaturgischen Büros auf jeden nur denkbaren Gedenk- oder Feiertag die passende Sache parat haben. Zum 17. Juni Goethes Freiheitsdrama, das ist so plausibel, daß die Wahl nur noch durch eine eminente Inszenierung zu rechtfertigen wäre. Sonst wird’s Stadttheater mit nationaler Zutat.

Genau das war der Egmont des Hessischen Rundfunks, beklagenswerterweise vom Schweizerischen und vom österreichischen Rundfunk (des Stückes und des Anlasses wegen) übernommen. Eben erst hat man am Beispiel des Wallenstein demonstriert, wie man eine lange und vielschichtige Sache radikal und sogar brutal mit Eingriffen in die Substanz des Dramas so zusammenstreichen kann, daß etwas Höchstachtbares und sogar etwas geistig Belangvolles herauskommt. Den Egmont hatte Reinhart Spoerri auf eindreiviertel Stunden reduziert, ohne daß irgendeine geistige Konzeption hinter dieser Operation sichtbar geworden wäre; die Gewalttat spielte sich ganz und gar auf dem Ziffernblatt der Programmuhr ab.

Schon der Bearbeiter Spoerri also versagte, er vermochte weder der niederländischen Freiheitssache noch der spanischen Ordnungsidee Profil zu geben, also auch keinen Zusammenstoß zweier Weltprinzipien. Es fehlte aber auch alles andere, was man in anderthalb Jahrhunderten in den geschichtlichen und den Goetheschen Egmont hinein- und herausinterpretiert hat, nicht einmal das verschwebendste Liebeseinsprengsel in eine Staatsaffäre, das die deutsche Theaterliteratur kennt, war da, die Romanze in der Tragödie: Klärchen – Egmont.

Mit dem Regisseur Spoerri nahm es eine noch schlimmere Wendung. Das vom Dramaturgen mißhandelte Stück wurde vom Inszenator ohne jede geistige Disziplin abgespult, wobei nicht einmal die großen staatspolitischen Dialoge intellektuelle Energie besaßen. Die Volksszenen gerieten geradewegs lachhaft, und die Freiheitsvision Egmonts war mit Nachthemderscheinung so beschaffen, daß man die Augen niederschlug und vor Peinlichkeit auf seinem Stuhl hin- und herrutschte. Und das alles bei einer höchst ansehnlichen Besetzung ...

Der Sender Freies Berlin steuerte zum Wochenprogramm eine der Sachen bei, auf die er sich versteht? ein filmisch angerichtetes Fernsehspiel über Gerechtigkeit und Freiheit und Schuld, diesmal des Engländers Philip Grenville Mann „Kronanwalt“. Die Angelegenheit war von Rudolph Cartier ordentlich und streckenweise sogar eindrucksvoll ins Bild gebracht worden, und man hätte höchstens zu erinnern, daß der SFB sich selber und seine Aufgabe zu eng begreift, wenn er, um seinem Ort und seiner Lage zu entsprechen, grundsätzlich nur noch Moralisches und Freiheitliches abspult.

Das typisch Berlinische dieses Senders darf nicht so aussehen, als ob er einem unentwegt mit ethischen Ermahnungen daherkommt. Das ist die zweite Gefahr dieses Senders, der der ersten schon erlegen ist, als er Brecht und den Moskauer Staatszirkus „aus prinzipiellen Gründen“ abschaltete.

lupus