...in Paris

Vergleicht man die Indexkurven der internationalen Börsen, so ergibt sich, daß Paris allen depressiven Einflüssen am längsten standgehalten hat. Den Höhepunkt erreichte die Pariser Börse in diesem Jahr am 2. April. Dann verlief die Kurve unregelmäßig aufweicht gemäßigtem Niveau, sank erst im Laufe des Monats Mai ab, ohne indessen unter den Durchschnitt des Monats Februar zu fallen. Begleitet wurde diese unsichere Haltung durch allmählich verringerte Umsätze. Relative Höhepunkte in der Geschäftstätigkeit zeichneten sich nur noch um die Zeit der Prämienerklärungen und Monatsliquidationen ab. Von jener klaren Tendenz konnte bereits im Monat April, als das Kursniveau noch relativ hoch war, nicht mehr gesprochen werden. Lediglich Sonderbewegungen stützten das Kursniveau und gaben nur noch einen Anschein von fester Haltung, während tatsächlich bereits große Gebiete, wie Banken, Montanwerte und Chemieaktien in den Schatten gerieten. Auch im Mai gab es noch Sonderbewegungen, aber um diese Zeit machte sich doch schon in zunehmendem Maße ein Unbehagen, das von den internationalen Börsen ausging, geltend. Nun entwickelte sich ein Kampf zwischen Haussiers, die sich auf die gute wirtschaftliche Entwicklung stützten, und Baissiers, die auf New York hinwiesen und allen Nachdruck auf die sehr schwierig gewordene innerpolitische Situation legten.

Dann kam der große Einbruch in der letzten Mai-Woche. Der Index (1. Januar 1962 = 100) war von seinem Höchstpunkt an der Wende März-April mit 120 im Laufe des Monats Mai mit leichten Unterbrechungen auf 108 gesunken, fiel dann an den schweren Krisentagen des 28./29. Mai von 105 für wenige Stunden unter die Schwelle von 100, schloß aber dann wieder bei 105. Die Kursverluste der letzten Mai-Woche waren also schnell wieder ausgebügelt. Ganz kurz, nur am 29. Mai, waren zum Börsenschluß organisierte Interventionen mit kleinen aber gut gezielten Käufen zu beobachten. Ungewöhnlich umfangreiches Material floß dem Pariser Markt, besonders aus der Schweiz, zu. Von allen Seiten wurden Pakete, die im Vergleich zum Jahresbeginn noch Kursgewinne von 20 bis 30 % zeigten, unterschiedslos, ohne jede Rücksicht auf die wirtschaftliche Situation der Gesellschaften zum Verkauf angeboten. Die Pariser Börse nahm alles auf. Zu keinem Zeitpunkt kam es zu einer Panik. Im Grunde blieb die Stimmung des Marktes hoffnungsvoll. Es schien so, als wollte die Börse auf der ermäßigten Indexbasis von 105 bis 103 eine abwartende Haltung einnehmen. Dann aber kam es zu neuen Einbrüchen in Wall Street. Der Druck war in Zürich, wo die Deckungsvorschriften mit viel größerer Liberalität als selbst in New York gehandhabt worden waren, heftig zu spüren und dies wirkte sich auch auf den Pariser Markt aus, wo noch immer Positionen mit Gewinn liquidiert werden konnten.

Technisch ist die Situation der Pariser Börse nicht ungünstig. Um die Semesterwende werden ihr große Dividendenbeträge zufließen, die Anlage suchen. Geld und Kapitalmarkt bleiben flüssig. Alle Anleihen werden schnell gezeichnet. Es ist ein echtes Investitionsbedürfnis vorhanden. Reportgeld wird bei jeder Liquidationsperiode in so großem Umfange offeriert, daß stets nur ein Teil Unterkunft findet. Das Angebot von Devisen aus Überschüssen der Zahlungsbilanz hält an; die Gold und Devisenreserven betragen jetzt ungefähr 3,5 Milliarden Dollar und sollen zur Abtragung von Auslandsschulden vorzeitig verwendet werden. Mit der Rückwanderung französischer Familien aus Nordafrika fließen dem Kapitalmarkt zusätzliche Mittel zu. Die Goldhamsterei hat fast aufgehört. Von der Geld- und Kapitalseite her droht der französischen Börse keine Gefahr.

Alle diese Momente werden von der Börse in Betracht gezogen werden müssen. Es ist denkbar, daß das Renditendenken wieder mehr zu Ehren kommt. Bisher hat der französische Anleger Aktien ohne Rücksicht auf die Rendite gekauft, weil er weiß, daß Reserven und Bruttogewinne der Gesellschaften vor Ausschüttung einer Dividende fiskalisch hoch belastet sind, und auf die ausgeschütteten Dividenden ferner noch ein Abzug in Form einer Couponsteuer entfällt. Schließlich wird dieser Zinsrumpf bei der Einkommensteuer noch einmal zusätzlich belastet. Unter diesen Umständen wird besonderer Wert auf die „innere Stärke“ industrieller Unternehmungen gelegt. Die Nettorendite als Aussage über den Erfolg eines Unternehmens ist nach französischer Auffassung um so weniger überzeugend, als fast alle Gesellschaften vor und während der Inflationsperiode verstanden haben, ihre Reserven wertsicher anzulegen. Sie verfügen daher über große Effektenportefeuilles, die wie private Investmenttrusts verwaltet werden.

Retlaw, Paris

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